Deutsch-russische Geschichtswerkstatt

Was ist eine Geschichtswerkstatt? Wie wird gearbeitet?

Die Zusammenarbeit von Studenten und Doktoranden aus Wolgograd, Hamburg und Bremen, die den aktuellen Stand der Erinnerung an die Schlacht von Stalingrad analysieren wollten, hat sich als interessant und (wie alles Neue) kompliziert erwiesen.

Erstaunlicherweise rief schon die Bezeichnung „Geschichtswerkstatt“ eine große Anzahl kritischer, ja sogar ironischer Bemerkungen hervor. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass das Wort „Werkstatt“ etwas mit den Händen Gemachtes, überhaupt eine bestimmte „Gemachtheit“ und die Orientierung an einem Muster, das im Voraus bekannt ist, assoziieren lässt. Aber so war es nicht. Die deutschen und russischen Projektteilnehmer interpretierten diese Arbeitsform als schöpferische, freie, kreative Tätigkeit, als spezifische Atmosphäre in den Werkstätten der großen Künstler und Denker der Vergangenheit.

Denis, Ksenija, Constanze Wolgograd, März 2008Das Thema unserer intellektuellen und (es sei betont) seelischen Bemühungen war sehr kompliziert. Was bedeutet heute Erinnerung an die Schlacht von Stalingrad für die jungen Leute in Russland und Deutschland – für die Enkel und Urenkel der einstigen Todfeinde, die damals einander an den Ufern der Wolga gegenüberstanden? Gerade die Form einer Werkstatt, die die Zusammenarbeit unterschiedlicher Menschen vorsieht, die als gemeinsames Ziel haben, „den anderen zu verstehen“, war für dieses Projekt besonders geeignet und effektiv.

Die Teilnehmer aus Wolgograd haben folgende Organisationsprinzipien der Werkstatt als positiv bewertet:

 

  • das Arbeiten ohne Druck von Seiten der Leitung und der Organisatoren;
  • die Möglichkeit, jeden Aspekt frei anzusprechen und dabei gehört zu werden;
  • die informelle Kommunikation;
  • die freie Wahl der Themengebiete bei der Untersuchung des Problems;
  • das vielfältige und „verzweigte“ Kommunikationssystem in kleineren, problemzentrierten Arbeitsgruppen und im Plenum (auch das Vorhandensein eines Plenums als Mittel, alle Werkstattteilnehmer zu vereinigen);
  • die Offenheit der Werkstatt für alle Interessenten in Deutschland und in Russland und
  • die Möglichkeit, sich jederzeit dem Projekt anzuschließen (was auch der Fall war).

Es war wie eine wunderbare Verwandlung – es entstand das Gefühl, dass man die anderen versteht und dort, wo man nicht gleich denkt, wenigstens die Meinung der Werkstatt-Partner respektiert.

Die beständige Zusammenarbeit in einer Gruppe, in der jeder Teilnehmer zum gemeinsamen Resultat beiträgt, kann als positiv, effektiv und nutzbringend bewertet werden. Aber zugleich sollte man auch einige Schwierigkeiten erwähnen, die nicht durch die Organisation der Werkstatt-Arbeit, sondern durch unsere Stereotypen und unsere Verhaltensmuster
hervorgerufen wurden, und zwar:

  • Nähere, vertrauensvolle Kommunikation war nur in persönlichen Kontakten, nicht im Allgemeinen, zwischen allen Projektteilnehmern, möglich;
  • Nicht alle waren bereit, tragische Momente aus der eigenen Familiengeschichte während des Krieges zum Thema zu machen, aus Furcht, das könne die bereits entstandene Sympathie und das gegenseitige Vertrauen zerstören;
  • Alle Versuche, die russischen Traditionen des Erinnerns (auch die unserer Museen) kritisch zu betrachten (als einseitig, auf Propaganda beruhend usw.), waren mit aktivem sowie passivem Widerstand der Teilnehmer verbunden.

Es gab einige Probleme, die man künftig lösen muss. So entstanden z.B. einige Kommunikationsschwierigkeiten, und zwar bei der Definition von Termini und der Interpretation einiger Aussagen und Urteile, obwohl die deutschen Projektteilnehmer über gute Russischkenntnisse verfügten. Bei der Durchführung derartiger bilingualer Projekte, bei denen geschichtliche, soziologische, psychologische und kulturelle Probleme behandelt werden, könnte ein qualifizierter Dolmetscher hilfreich sein.

Eine der Schwierigkeiten bestand darin, dass man sich nicht einig war in der Frage, ob grundlegende oder erweiterte Kenntnisse über ein Ereignis erforderlich sind, wenn man vorhat, Erinnerungen an dieses zu untersuchen.

Ein Projekt, dessen Forschungsgegenstand Museen sind, sollte mit diesen Museen aktiver zusammenarbeiten.

Und letzten Endes drängt sich die Frage nach den Altersgrenzen dieser Jugend-Werkstatt auf. Der Altersunterschied von 10-15 Jahren ist relevant, denn es geht um Überzeugungen und Irrtümer, die vor und nach dem Zerfall der UdSSR und dem Fall der Berliner Mauer entstanden sind. Allerdings haben die Altersunterschiede das Projekt umso interessanter und seine Resultate umso unvorhersehbarer gemacht.