Deutsch-russische Geschichtswerkstatt

Projektidee und -hintergrund

„Stalingrad, Stalingrad – Deutschland Katastrophenstaat“ dichtete einst die Hamburger Punkband „Abwärts“. Das rechtsradikale Album „Freibeuter Stalingrad“ nutzt die Ikone Stalingrad für ihre neofaschistischen Geschichtsfälschungen. Der Sänger der Kölner Band „Bap“ erfasst die Schwere des Erinnerns an Stalingrad in der Textzeile „Nur vun Stalingrad, verzällt er nie. ‚Wo litt dann Stalingrad, en welchem Land ess dat?’ Stalingrad pack ’e nie, irjendwie“.

Um welche russische Stadt es sich im Falle Wolgograds handelt, wird vielen Menschen erst klar, sobald der Name Stalingrad fällt. Und auch dann, so ist zu vermuten, findet eher eine Zuordnung zu einem deutsch-russischen Ereignis als eine geographische Ortsbestimmung statt.

Stalingrad ist mythisch aufgeladen – die Stadt ein Erinnerungsort (François/Schulz) par excellence. Die Schlacht von Stalingrad (1942–43) ist zu einer ereignisgeschichtlichen Conditio sine qua non der Nationen Russland und Deutschland geworden und somit auch für die Identitätsstiftung von Russen und Deutschen. Das Erinnern an die Schlacht ist für beide Völker eine nationale Unvermeidbarkeit. Doch wer erinnert wo, was und wie?

Der Schlacht von Stalingrad, so unsere Ausgangsbeobachtung, wird in Russland und Deutschland unterschiedlich gedacht. Entscheidende Impulse gehen bis heute vom sowjetischen Sieg und der deutschen Niederlage aus. Das russländische Erinnern an Stalingrad ist immer noch eine landesweite Angelegenheit. Das offizielle Gedenken in Wolgograd fokussiert auch dreiundsechzig Jahre nach dem Sieg über die 6. Armee den Patriotismus als vorrangiges Erinnerungsmotiv. Den Repressionen vor und nach dem Krieg wird ebenso wenig die Rolle eines Kristallisationspunkts der kollektiven Erinnerung eingeräumt wie den militärischen Fehlern Stalins. In Deutschland wird an Stalingrad öffentlich vornehmlich durch TV- und Kinoproduktionen erinnert, die verstärkt auf das Leiden und Sterben der deutschen Soldaten abheben. Die weißen Flecken in der deutschen Erinnerung an Stalingrad kreisen noch immer um die Schwere der von Deutschen begangenen Verbrechen.

Um unser Untersuchungsfeld einzugrenzen, konzentrierten wir uns auf zwei Ausstellungen über die Stalingrader Schlacht in Wolgograd: einerseits die ständige Ausstellung im Staatlichen Panorama-Museum Wolgograd und andererseits die Ausstellung „Angeli spasateli“ im Museum des Zentralen Kaufhauses der Stadt. Dank des Interesses des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst an unserem Projekt wurde der Blick auf den musealen Umgang mit der deutschen Erinnerungstradition zu Stalingrad möglich.

Wir stellten uns die Aufgabe, die Ausstellungen auf Konzepte, Botschaften und Funktionen sowie Auslassungen zu untersuchen und kritisch zu befragen.

Ziel des Projekts war die Erarbeitung eines deutsch-russischen Kommentars zu den Ausstellungen. Dieser Kommentar sollte veröffentlicht werden und u.a. in Form eines Flyers die Grundlage für Führungen in den genannten Ausstellungen sein. Die Geschichtswerkstatt will dabei nicht über die Ausstellungen richten und urteilen. Vielmehr sollte Erinnertes analysiert und Vergessenes, das für die europäische Dimension der Schlacht von Stalingrad und für die europäische Identität von Deutschen und Russen heute bedeutsam ist, erinnert werden.

Seit Projektbeginn hat sich inhaltlich Einiges getan und entwickelt: Wir mussten von unserem anspruchsvollen Vorhaben, Empfehlungen (im eigentlichen Sinne) für eine Weiterentwicklung der von uns analysierten Ausstellungen auszusprechen, abrücken. An dessen Stelle sind eine Reihe von alternativen Ergebnissen getreten, die die Dynamik innerhalb der Geschichtswerkstatt und den Erfahrungsschatz in der Projektentwicklung widerspiegeln. So ist ein Film entstanden, die Eindrücke und fachlichen Auseinandersetzungen wurden in Essays und Artikeln festgehalten und zum Abschluss unseres Projekts haben wir eine Open-Space-Veranstaltung durchgeführt, die das Thema und unsere Anliegen zur breiten Diskussion stellte.