| Vom Ausstellungs- zum Projektkontext |
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| Geschrieben von: Constanze Stoll |
Eine Kontextanalyse aus der Perspektive einer Theorie der „Zweiten Moderne“Unsere Geschichtswerkstatt konnte im Mai 2007 während des ersten Besuchs einiger russischer Mitglieder in Deutschland Räume des Deutsch-Russischen Museums in Berlin–Karlshorst für ein Arbeitstreffen nutzen. In den Pausen war ein Rundgang durch die Dauerausstellung möglich, eine ausführliche Führung bekamen wir von Peter Jahn, dem früheren Leiter des Museums. Die ständige Ausstellung erinnert als einzige in Deutschland ausschließlich an den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Der Schlacht von Stalingrad ist jedoch kein eigener Bereich gewidmet. Erwähnt wird sie im Kapitel „Kriegsverlauf 1941-44“, dort sind auch einige Bilder der Schlacht zu sehen. Dieser Text fasst die Überlegungen und Ergebnisse der Arbeitsgruppe „Kontext“ zusammen. Sie wurde entsprechend der von uns gewählten Methoden gebildet, die museale Präsentation der Schlacht von Stalingrad in dieser Ausstellung anhand von museumstheoretischen Texten zu einzelnen Aspekten1 zu analysieren. Eigene Überlegungen zum KontextUnsere Aufgabe bestand darin zu beschreiben, ob die ständige Ausstellung über den Zweiten Weltkrieg – und darin die Schlacht von Stalingrad – im Karlshorster Museum in einenKontext gestellt wird und wenn ja in welchen. Zuerst kreisten unsere Überlegungen um den Begriff „Kontext“ und wie er zu verstehen sei. Wir gingen intuitiv von einem Kontextbegriff aus, der den zeitgeschichtlichen Rahmen des dargestellten Ereignisses meint. Wir vermuteten, Aussagen zu erhalten beziehungsweise zu machen etwa darüber, ob die diplomatische Vorgeschichte der Schlacht von Stalingrad erläutert wird oder die Schlacht als ein logisches Ergebnis der NS-Ideologie dargestellt und somit ideell kontextualisiert wird oder ob die Ausstellungsbesucher einen Einblick in das Meinungsbild der Deutschen und Russen über die Ereignisse bekommen. Wir suchten also nach Antworten auf die Frage, wie die zeitgeschichtlichen Umstände der historischen Schlacht von Stalingrad durch die museale Aufarbeitung dargestellt werden. LiteraturWährend der Vorbereitung auf unseren Workshop setzte ich mich zur theoretischen Unterfütterung unserer Analyse des „Kontextes“ mit der Monographie von Rosemarie Beier-de Haan „Erinnerte Geschichte – inszenierte Geschichte. Ausstellungen und Museen in der Zweiten Moderne“ (Frankfurt a.M. 2005) auseinander. Um eine gemeinsame Grundlage zu haben stellte ich dann in unserer Zweierarbeitsgruppe meine Lektüreergebnisse meiner Partnerin Elena Ogarkowa vor. Die Untersuchung von Beier-de Haan nimmt verschiedene Geschichts-Museen in und außerhalb Europas und ihre aktuellen Konzepte zur Darstellung von Vergangenheit unter die Lupe. Wichtig dabei ist der Begriff „Kontext“, wobei er bezogen wird auf die Gegenwart der Konzipierung einer Ausstellung oder eines neu eröffneten Museums. Diese Zeit mit ihren gesellschaftspolitischen und sonstigen charakteristischen Eigenschaften, so die These, hat Einfluss auf die Präsentation von Geschichte in der Ausstellung oder dem Museum und ist somit prägend für die Geschichte selbst. „Kontext“ zielt in diesem Verständnis also nicht, wie wir annahmen, auf den zeitgeschichtlichen Rahmen eines dargestellten Ereignisses. Es geht nicht um das Verhältnis auf der Objektebene zwischen dem Ereignis und seiner Gegenwart in der Vergangenheit. Viel eher erfasst der Begriff „Kontext“ die Metaebene, von der aus das Verhältnis zwischen dem vergangenen Ereignis und der Gegenwart seiner musealen Präsentation beschrieben wird. Wenn man genau hinschaut wird klar, dass Geschichte als ein wandelbares Ganzes impliziert wird, das den Seh- und Beschreibungsgewohnheiten ihrer „Entstehungszeit“ unterworfen ist. Dieser Aspekt, hinter dem die Annahme steht, dass die Vergangenheit bzw. Geschichte nicht einmalig wahr ist, sondern immer wieder neu repräsentiert werden kann, ist zentral für unsere Auseinandersetzung mit den Museumsmachern in Wolgograd.
Um die gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Umstände zu charakterisieren, unter denen heute, also in der „zweiten Moderne“ Konzepte zur Präsentation von Vergangenem – etwa der Schlacht von Stalingrad – erdacht werden, greift die Autorin drei Begriffe heraus:
Sie stehen für typische Entwicklungsmerkmale unserer Gesellschaft und dafür, wie sich das Individuum und Gruppen zu Vergangenheit und Zukunft ins Verhältnis setzen. Die unter diesen Bedingungen aktuellen Identifikationsmuster unterscheiden sich von denen des 18. Jahrhunderts, der unmittelbaren Nachkriegszeit oder der 1970er Jahren. Entsprechende VorannahmenFür unsere Analyse des Ausstellungskontextes des Russlandfeldzugs und darin der Schlacht von Stalingrad einigten wir uns darauf, der Bestimmung von „Kontext“ als der „zweiten Moderne“ und den Kriterien von Beier-de Haan zu folgen. Darüber hinaus nahmen wir unser erstes intuitives Verständnis von „Kontext“ mit auf. Wir beschlossen also, nicht nur nach den Anzeichen für die „zweite Moderne“ in der Ausstellung zu fahnden, sondern auch nach den Hinweisen auf die zeitgeschichtlichen Umständen zu fragen, die die Schlacht von Stalingrad bedingten. Wir entschlossen uns daher, den Begriff „Kontext“ zu unterscheiden in den historischen Kontext und den kulturellen (zeitgenössischen) Kontext. Entsprechend der Aufgabenstellung formulierten wir drei spezifische Fragen, die uns bei der Analyse der Ausstellung leiten sollten:
Unsere Ergebnisse Für die Überprüfung unserer Ergebnisse erwies sich der Umstand als hilfreich, dass auch Rosemarie Beier-de Haan das Deutsch-Russische Museum in Berlin-Karlshorst als eines der Museen auswählt, um ihre Thesen zu belegen. Sie gruppiert das Museum zusammen mit dem „Historial de Péronne“ (Flandern)und dem „Imperial War Museum“(London) in die Kategorie „Museen der gemeinsamen Ereignisse: mentale Bewältigung der Feindschaften zwischen Nationalstaaten.“
Methodisch überzeugt, dass die Chronologie der Ausstellung im Jahr 1917 ansetzt. Damit wird die Entwicklung der deutsch-russischen Beziehung bis zum Zweiten Weltkrieg als Teil der Verschlechterung der Gesamtweltlage bis zum Zweiten Weltkrieg nachvollziehbar. Außerdem lädt diese Geste dazu ein, alternative Entwicklungen als prinzipiell denkbare Varianten des Weltgeschehens ins Auge zu fassen. Vielleicht ist dieses Verfahren unter dem Aspekt „Inszenierung oder der Bedeutungsrückgang der Geschichtswissenschaft“ zu beschreiben: Die Geschichte als abgeschlossene Vergangenheit wird durch den multiperspektivischen Blickwinkel auf die verschiedenen deutsch-sowjetischen Berührungspunkte in Szene gesetzt und wiederbelebt. Es werden ebenso Beispiele für die Kulturbeziehungen wie auch für die Kooperation zwischen Roter Armee und Wehrmacht und den wissenschaftlichen Austausch gegeben. Indem so die Komplexität der deutsch-russischen Beziehungen anschaulich gemacht wird, verweigert sich außerdem der Blick einer vereinfachenden Sicht auf die Geschichte. In 16 Kapiteln, die teilweise in Unterkapitel aufgeteilt sind – z.B. die Beschäftigung mit der sowjetischen Zivilbevölkerung im Krieg oder den sowjetischen und deutschen Kriegsgefangenen – umfasst die Ausstellung den Zeitraum von 1917 bis in die 50er Jahre. Die Schlacht von Stalingrad wird in Raum 5 unter der Überschrift „Kriegsverlauf von 1941 bis 1944“ abgehandelt. Sie wird nicht thematisch gesondert pointiert, sondern lediglich als eines der zentralen Ereignisse zwischen 1941 und 1944 gewertet. Vereinzelt taucht die Schlacht in Raum 6 „Soldatenalltag“ und Raum 8 „Die sowjetische Zivilbevölkerung im Krieg“ auf. Auffällig an der ständigen Ausstellung ist vor allem die komparatistische Perspektive auf das Dargestellte, auf den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Diese Perspektive ist natürlich durch seine Ausrichtung als deutsch-russisches Museum Programm beziehungsweise die Historizität des Ortes verlangt geradezu nach ihr:4 Das Haus wurde als Offizierskasino durch die Wehrmacht genutzt, diente der sowjetischen 5. Stoßarmee in der Schlacht um Berlin als Hauptquartier und am 8. Mai wurde dort die bedingungslose Kapitulation Deutschlands vom Vortage in Reims ratifiziert5. Was heute als tugendreiche Geste zweier ehemaliger Todfeinde und als konzeptuell überzeugende Methode mit der Kraft, alte Stereotype zu überwinden, anzusehen ist, wurde nach der Wiedervereinigung Deutschlands zäh ausgehandelt und in dreieinhalb Jahren während der Vorbereitung der Ausstellung über den Zweiten Weltkrieg erarbeitet. Und so sind nicht nur die deutsch-russischen Beziehungen einer vergangenen Zeit Gegenstand der Ausstellung; sie sind in ihrer Weiterentwicklung im Kalten Krieg bis hin zur Wiedervereinigung und darüber hinaus konstitutiver Teil des Konzepts und somit in der musealen Gegenwart hochreflexiv präsent. Peter Jahn formulierte es in seiner Führung so: „Die Ausstellung präsentiert sowohl die Geschichte eines Ereignisses als auch die des Museums.“ Und tatsächlich schien uns, dass ein Spannungsverhältnis von Vergangenheit und Gegenwart erzeugt wird, das die Abhängigkeit des Heute vom Gestern verständlich macht und den andauernden Geschichtsprozess sehr nahe bringt. Was die Kontextanalyse betrifft, so entspricht die binationale Perspektive als ideelle Stütze des Museumskonzepts6 den Verfahren der „zweiten Moderne“. Die Bedeutung des Nationalstaats als Zugpferd von Geschichte wird durch die vergleichende Sicht in den Hintergrund gerückt. Allerdings unterliegt die Geschichtspräsentation nicht explizit einem die Nation überwindenden Konzept. So wäre es im Sinne der weitreichenden Bedeutung des Vernichtungskriegs gegen Russland für ganz Europa sinnvoll, auch die Rolle anderer Nationen zu beleuchten, die im Russlandfeldzug eine Rolle spielten, so etwa Rumänen, Italiener, Kroaten oder Österreicher. Die Glokalisierung ist nicht Thema der Ausstellung, etwa das Verwobensein von Märkten bzw. der Umstand, dass auch der Zweite Weltkrieg ein Expansions-, sprich Kolonialisierungskrieg war, der zur Globalisierung geführt hat. Im Vordergrund steht die Verortung des Individuums in der Geschichte. Dabei wird versucht, verschiedene Wahrnehmungsperspektiven zu akkumulieren. Hinter dem Konzept, als einstige Kriegsgegner gemeinsam an gemeinsame Geschichte zu erinnern, steht die Absicht, dass nicht das, was Russen und Deutsche einte, sondern das, was sie bis zur Todfeindschaft trennte, zur gemeinsamen europäischen Überlieferung zu machen. Dabei erhält die Geschichte der Zivilbevölkerung genau so viel Raum wie die der Soldaten. Die schonungslose Darstellung des Leidens der Soldaten und der einfachen Bevölkerung beider Seiten im Krieg verhindert jedwede Verherrlichung und unterstreicht unerbittlich die Unsinnigkeit des Russlandfeldzugs im Allgemeinen und die katastrophalen Fehleinschätzungen bezüglich einzelner Kriegspläne wie etwa die Idee, Stalingrad zu erobern, im Besonderen. Das Konzept versucht, eine über die Grenzen hinweggehende menschliche Solidarität zum Kerngedanken zu machen. Die Ausstellung ist entsprechend vom Ethos des Friedens geprägt, worauf Peter Jahn uns hinwies. Vom Gewinnen und Verlieren oder unser Projektkontext: deutsche und russische Erinnerungskultur im VerhältnisIn diesem Zusammenhang will ich abschließend kurz eingehen auf den wohl größten Unterschied in der musealen Kommunikation über die Schlacht von Stalingrad respektive den Zweiten Weltkrieg/Großen Vaterländischen Krieg. Russische Museen, insbesondere auch das Panorama-Museum, zeichnet dieses explizite Ethos nicht aus. Anna, eine junge Wolgograderin, die mit uns die ständige Ausstellung im Panorama-Museum – wohlgemerkt zum ersten Mal – besuchte, wunderte sich über das Fehlen einer pazifistischen oder kriegskritischen Sicht und friedensstiftende Geste. Das wird, wie bereits erwähnt, ja auch von anderen Autoren zu Recht kritisiert. Die Ausstellung im Panorama-Museum unterlässt weitgehend solche Hinweise, die ein heutiges Selbstverständnis verdeutlichen. Ein solches Versäumnis ist sicher keine zufällige Nachlässigkeit. Viel eher unterstreicht dieses Verfahren den Unmittelbarkeitscharakter des dargestellten Ereignisses und legt nahe, dass es sich um eine uninterpretierbare historische Wahrheit handelt, die so und nicht anderes erinnert werden kann. Bei aller Kritik gerät zu Unrecht aus dem Blick, was für mindestens die Generation der russischen Veteranen, Augenzeugen und vieler Russen bis heute gilt: Das wichtigste Motiv, den Tag des Endes der Schlacht von Stalingrad (oder den 8. Mai) zu begehen, ist neben der Trauer über die unzähligen Opfer und die vernichtete Stadt immer noch die Freude über den sowjetischen Sieg. Damit gehen menschliche Emotionen wie Stolz einher. Kritisch muss angemerkt werden, dass die Tradition der Freude über den „Untergang des Dritten Reiches“ in Deutschland nicht sehr ausgeprägt ist. Dass dies vermutlich an der alleinigen Kriegsgesamtschuld und den Kriegsschäden liegt, mag einleuchten. Jedoch sind Nachfragen, wie tief greifend etwa den Deutschen die Distanzierung von den Werten Nazideutschlands bis heute gelungen ist, beziehungsweise wie sehr sie dem „verlorenen Sieg“ noch immer nachtrauern, weiter am Platze7. So gesehen lassen sich die vorherrschenden Themen in der jeweiligen Erinnerungstradition – die Ohnmacht der verschiedenen Opfer und der Zynismus der Machthaber in der deutschen, die Heldentaten der Rotarmisten und Generäle in der russischen Erinnerungskultur – auch als Kriegsfolgen oder mindestens als das Erbe der Kriegsfolgen interpretieren. Fazit unserer Lektüre: Gesamtgesellschaftliche Parallelen trotz vieler UnterschiedeDie Diskussion über die Ausführungen von Beier-de Haan hatte einige Zeit unserer Arbeitsgruppe in Anspruch genommen. Am Ende waren wir uns jedoch einig, dass sich Wesensmerkmale der „zweiten Moderne“ in unseren beiden sich wandelnden Gesellschaften finden, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Wir fanden das umso interessanter, als wir eher gewohnt sind, mehrheitlich immer noch die gesellschaftlichen und kulturellen Unterschiede beider Länder entsprechend der alten ideologischen, kommunistisch-kapitalistischen Ost-West-Dichotomie wahrzunehmen. Was die Globalisierung / Glokalisierung betrifft, so konnten wir neulich in Wolgograd die bizarre Beobachtung eines eben eröffneten real,-Einkaufsmarktes machen, über dessen Eingang die für die Kaufhauskette typischen Lettern in roten Leuchtbuchstaben prangten.
Was die gesellschaftliche Individualisierung betrifft, so haben sich in beiden Ländern längst traditionelle Vorstellungen zu Familienleben, Berufswahl, Erholung und Freizeit aufgelöst oder sie tun es aktuell. Sie wurden und werden ersetzt durch Ideale, die das Individuum (entgegen dem Kollektiv) stärker betonen und explizit eine tatsächliche oder vermeintliche Individualität zum Aufhänger haben. Bei der Verbreitung neuer Ideale spielt die Durchlässigkeit von Grenzen – die des realen Personenverkehrs ebenso wie die des Informationsflusses im virtuellen Raum – eine große Rolle. Russen und Deutsche besuchen sich zahlreich und tauschen sich mehr oder weniger bewusst über ihre lebensweltliche Erfahrung aus und nehmen Vorstellungen mit zurück nach Hause8. Bezüglich des letzten, die Geschichtswissenschaften und das Geschichtsverständnis betreffenden Merkmals weichen die Entwicklungen in Deutschland und Russland möglicherweise am meisten voneinander ab. In beiden Ländern hat Geschichtsinteresse wohl Konjunktur, das zeigen die vermehrt ausgestrahlte Sendungen mit Beiträgen zur nationalen Geschichte in Russland wie in Deutschland. In Bezug auf die museale Kommunikation über den Zweiten Weltkrieg/Großen Vaterländischen Krieg beobachten wir nun Folgendes: Während in deutschen Ausstellungen auch die Multiperspektivität zur selbstverständlichen Geste geworden ist, werden in neuen russischen Ausstellungen die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges mehrheitlich weiterhin aus dem Blickwinkel der politischen Entscheidungsträger präsentiert oder die heldenhafte Aufopferungsbereitschaft der Soldaten gerühmt; Vergangenheitspräsentation ist immer noch vom erreichten Siegesruhm aus inszenatorisch motiviert. Der einzelne Rotarmist gerät zwar durchaus in den Blick; im heutigen, nach seiner alten Führungsrolle strebenden Russland scheint es jedoch undenkbar, dass Historiker und Ausstellungsmacher das ehemals sowjetische Ideal dekonstruieren, wonach das Individuum stellvertretend für ein opferbereites Kollektiv zu stehen hatte, das die Nation gegen den Feind verteidigte. Dem Betrachtenden stellt sich also nach wie vor oder wieder die mahnende Geste des zum Vorbild gewordenen Sowjetmenschen gegenüber – eine Geste, die dem Krieg immer einen Sinn zu verleihen, das Leid und die parallel begangenen Verbrechen aber weiter zu verdrängen versucht. Dies ist in Deutschland geschichtsbedingt zu Recht undenkbar. Ungeachtet oder vielleicht gerade wegen seiner Geschichte stünde allerdings auch Russland eine weniger kriegsbejahende Erinnerungspolitik gut zu Gesicht, was jedoch zu Lebzeiten der sowjetisch sozialisierten Kriegs-Veteranen schwer durchsetzbar ist. Einstweilen gibt es nur wenige in Russland, die die „Fesseln des Sieges“9 erkennen und kritisch beleuchten. Während in Deutschland Geschichtsmuseen also eine immer flexiblere und polyphonere Annäherung an die Vergangenheit vorschlagen, treffen wir in russischen Geschichtsmuseen eine Haltung an, die Ideologie als solches nicht desavouiert; viel eher treten sie mit eindeutig ideologischem Auftrag auf, etwa dem Erbe der sowjetischen Vorfahren und teilweise noch lebenden Veteranen gerecht zu werden und den staatsbürgerlichen und patriotischen Pflichten nachzukommen. Fußnoten1) Außer zum „Kontext“ gab es Arbeitsgruppen zu den Aspekten „Struktur und Design“, „Text“ sowie „Exponate und Bilder“ zurück2) Gemeint ist, ob es implizite oder explizite Hinweise dafür gibt, dass die Ausstellungsmacher wert auf die Einbettung der dargestellten Geschichte in die damaligen respektive die heutigen gesellschaftspolitischen Umstände legen. zurück 3) Die ihrerseits wiederum chronologisch geordnet sind zurück 4) Die Bundesrepublik Deutschland und die Russische Föderation sind Träger des Museums. zurück 5) Von 1945–49 Sitz der sowjetischen Administration in Deutschland (SMAD), ab 1967 Kapitulationsmuseum. zurück 6) Siehe das Leitbild des Museums unter: http://www.museum-karlshorst.de/html/museum/-ueberuns/index.shtml. zurück 7) Ganz aktuell dokumentieren Enthüllungen wie die über die Familie Quandt (siehe den Dokumentarfilm „Das Schweigen der Familie Quandt“), wie gut es über 60 Jahre lang nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland möglich ist, mit penetrantem Schweigen und der konsequenten Erinnerungsverweigerung an die eigene Geschichte im Nationalsozialismus krudeste Geschichtsklitterungen und Verdrehung von Opfer- und Täterrollen aufrecht zu erhalten. Die Technologie des Schweigens ist auch in der Kommunikation weniger bekannter Familien eher die Regel als die Ausnahme. zurück 8) Hier soll nicht der Eindruck entstehen, wir glaubten, dass es sich um einen rundweg harmonischen Austausch handelt. Durch das Verschwinden von DDR und Sowjetunion und nach dem „Sieg“ der kapitalistischen Marktordnung dominiert der Westen den Transfer. Das heißt die russische Gesellschaft übernimmt eher Maximen und Praktiken aus dem Westen, während die Werte der sowjetischen Ordnung und ihre Weitertradierung gar nicht wirklich zur Disposition stehen. Diese Entwicklung wird durchaus kritisch – vor allem auch in Russland – wahrgenommen. zurück 9) Lew Gudkow ist einer der Wenigen: http://www.eurozine.com/articles/2005-05-03-gudkov-de.html. zurück |