| Vergleich: Deutsch-russisches Museum Berlin-Karlshorst und Staatliches Panorama-Museum |
|
| Geschrieben von: Elena Ogarkowa |
Oder: Das Museum als SpiegelbildDie Erinnerungen an Stalingrad sind beweglich, mannigfaltig, nicht eindeutig. In den Vorstellungen der Nachkriegsgenerationen wird der Anteil der Familienmilitärchronik allmählich geringer, bleibt als Bild der Vergangenheit zurück, das in Schulbüchern, Filmen, Ausstellungen, Medien vermittelt wird. Vor dem Hintergrund der immer stärkeren Isoliertheit der Wissenschaften behalten Museen eine gewisse Autorität. Sie sind zugänglicher und angepasst an die Menschen, die sich für die Geschichte interessieren. Darüber hinaus gibt es in Russland eine starke Tradition, mit der Familie, Schülern und Studentengruppen ins Museum zu gehen.
Die Projektteilnehmer analysierten ihre eigenen Emotionen, ihre Wahrnehmung des Museums, indem sie an einer Art Rollenspiel teilnahmen: „Ich bin Zuschauer. Ich möchte begreifen, wie meine Vorstellungen über Stalingrad in einem Museum entstehen“. Im Verlauf wurden besonders zwei Prinzipien der modernen Museumsmethodologie akzentuiert. Das Mitte des 20. Jahrhunderts entstandene traditionelle Prinzip setzt auf das Wahrnehmen und evoziert ein Gefühl des Beteiligtseins am geschichtlichen Ereignis. Diese Methode ist wirkungsvoll im Bereich der Erziehung, sie fördert den Patriotismus, das, was unsere Gesellschaft braucht. Das andere Prinzip impliziert die Anwendung von Methoden der geschichtlichen und kulturellen Anthropologie. Das Museum wird als Institution gedacht, in der die Werte von vergangener Geschichte erkannt und ihre Bedeutungen entziffert werden können. In diesem Fall wird das Nahebringen des Alltags und der subjektiven Erfahrung des Menschen akzentuiert. Für Ausländer bieten die Ausstellungen eine Chance zu erkennen, wie in Russland an Stalingrad erinnert wird. Tausende Touristen, Gäste der Stadt besuchen das Panorama-Museum „Die Schlacht von Stalingrad“ und verlassen es mit verschiedenen Gefühlen und Eindrücken: Enttäuschung, Bedenken, Begeisterung, Reue. „Ich bin ein Verbrecher“, schrieb ein älterer Deutscher anonym ins Gästebuch. Warum sind die Meinungen so unterschiedlich? Warum bemerken wir Wolgograder den Archaismus, die dunkle Monotonie der Räume, aber kommen immer wieder hierhin, warum bitten uns unsere Kinder um diese Begegnung? Das Museum ist ein Erinnerungsort, hier identifizieren wir uns mit der Heimat, mit der Generation der Großeltern und Urgroßeltern. Was dem ausländischen Besucher unverständlich bleibt, ist das Fremde, zum Beispiel Photographien: fremde Gesichter, sogar eine andere Art zu fotografieren, sich in Pose zu werfen. Für den russischen Besucher dagegen ist das wie ein Teil des Fotoalbums der Familie. Die Auszeichnungen gibt es fast in jeder russischen Familie. Hier herrscht eine Magie der authentischen Dinge jener Zeit. Wichtig ist zu verstehen, dass diese Dinge persönliche Gegenstände sind. Durch die Exponate wird der Mythos verdinglicht, die Vergangenheit entideologisiert. Diese Linie des persönlichen Schicksals, die wegen des offiziellen Charakters kaum wahrnehmbar und dennoch vorhanden ist, diese Linie der persönlichen Geschichte rechtfertigt das Museum und bewahrt seine Anziehungskraft.
Ein anderer Grund ist das in den Ausstellungsgegenständen ausgedrückte Gefühl des Sieges, der Sternstunde Stalingrads. Dieses Gefühl, das durch Leiden erkämpft und verdient wurde, ist die einzige Auszeichnung für die Gefallenen. Die satte Nachfolgegeneration ist von Schuldgefühlen belastet. In unserer Erinnerungstradition wird dies durch die Worte ausgedrückt, die Menschen sollten sich daran erinnern, „um welchen Preis das Glück erkämpft wurde“. Die Identifizierung mit der Siegerseite ist ein positives, konstruktives und perspektivenreiches nationales Kapital. Ein „Sieger-Volk“ zu sein ist attraktiver als ein „Opfer-Volk“ zu sein. Der 2. Februar 1943 und der 9. Mai 1945 sind auch eine Arznei gegen die Depression nach der Periode des Zerfalls der UdSSR. Es sind Nationalfeiertage, die von den Entlarvungsprozessen nicht betroffen sind. Es sind Erfahrungen des kollektiven, nationalen Triumphes, die auch die Menschen der Gegenwart vereinigen. Das Bedenken ausländischer Besucher, wir würden ja den Krieg fast glorifizieren, ist durchaus zu verstehen. Gewehrkult, Heldenkult, Feldherrenkult, Kult um die internationale Anerkennung Stalingrads. Hinter diesem Glanz lassen sich die Probleme der gegenwärtigen russischen Gesellschaft leicht verstecken. Die Didaktik der Museumsaustellung bringt uns in die Zeiten der verständlichen, schwarz-weißen Geschichte zurück. Das ist ein Nostalgie-Gefühl, ein Gefühl der Sehnsucht nach der Kindheit und der Jugend: Feuer, Sarniza-Spiele, Ehrenposten №1. Das ist ein Land, das wir verloren haben. Was haben wir an seiner Stelle bekommen? Freiheit? Illusionen? Enttäuschungen? Das Museum ist zugleich ein Portrait der Gesellschaft, Widerspiegelung unserer Überzeugungen, Irrtümer und Hoffnungen. Am 9. Mai 2005 haben 100.000 Menschen das Museum besucht. Worüber mögen sie nachgedacht haben? Die ständige Ausstellung des Museums Berlin-Karlshorst stellt den Krieg Deutschlands gegen die UdSSR, den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und in seinem Kontext die Schlacht von Stalingrad dar. Das Ausstellungskonzept funktioniert darüber, das gesellschaftliche Interesse für die Ereignisse und Persönlichkeiten der Zeit des Zweiten Weltkrieges zu wecken.
Die Idee dieses Museums ist die Präsentation einer menschlichen Geschichte. Mit Hilfe von persönlichen Dingen, Memoiren, Nicht-Propaganda-Aufnahmen und Briefen wird versucht, vom Krieg als einer ‚Soldatenarbeit‘ zu erzählen. Der Abgrund zwischen den Feinden wird durch den Vergleich von Gegenständen der sowjetischen und deutschen Soldaten eingeebnet. Wie oft ein Soldat verletzt wurde, wie sein Alltagsleben und seine Freizeit gestaltet wurden, wie die Post funktionierte. Diese und viele andere Themen werden in der Ausstellung reflektiert. Doch das Museum bestreitet die in der deutschen Gesellschaft und Geschichtswissenschaft verankerte Ansicht, der Krieg könne in zwei Ebenen geteilt werden: die staatliche und somit allgemein verurteilte Ebene und die Ebene des einfachen Soldaten, mit dem man in der Regel Mitleid hat.
Dabei spielen die Exponate, die eine Beziehung zur Schlacht von Stalingrad haben, eine durchaus wesentliche Rolle. „Stalingrader“ Artefakte sind in dem einen oder anderen Kontext in fast jedem Saal anzutreffen, was mich auf den Gedanken bringt, dass dieses Ereignis eine tiefe Spur im deutschen Gedächtnis hinterlassen hat. Ausgehend von der Konzeption, dass die Katastrophe an der Wolga nicht nur eine persönliche Tragödie der deutschen Soldaten und Generäle gewesen ist, sondern dass die Deutschen auch um des Systems willen kämpften und starben, lässt sich hier eine weitere thematische Linie ausmachen. Indem die Ausstellung die Vernichtungspolitik im Dritten Reich zeigt, setzt sich das Museum mit der im deutschen Gedächtnis verbreiteten Haltung gegenüber den Soldaten der Wehrmacht als heldenhafte Opfer auseinander. |