Deutsch-russische Geschichtswerkstatt

Fazit

Aus den individuellen, persönlichen Begegnungen und der Idee, die „Erinnerung an Stalingrad“ näher zu befragen (Siehe den Einleitungstext „Projektidee und -hintergrund“ von Constanze Stoll), ist eine gemeinschaftliche Arbeit entstanden. Eine Vielzahl verschiedener Ansichten, Meinungen und Initiativen sind im Projektverlauf in der Arbeit der Geschichtswerkstatt aufeinander gestoßen. Entsprechend vielfältig zeigt sich unsere vorliegende Dokumentation. Unsere Anstrengungen orientierten sich immer an einem wissenschaftlichen Standpunkt, ließen dabei jedoch hinreichend Raum, den persönlichen Zugang jedes einzelnen Mitglieds zu berücksichtigen. Die Arbeitsweise und ihre Resultate sind daher deutlich von den persönlichen Interessen, Erfahrungen und Begegnungen aller Teilnehmer geprägt. Und so sind es gleichermaßen die direkten Kontakte und Beziehungen und die wissenschaftlich fundierten Reflexionen, die wesentliche Erkenntnisse in der Auseinandersetzung mit den Erinnerungskulturen in Russland und Deutschland ermöglicht haben.

Von den persönlichen Begegnungen ausgehend zeigte sich, wie unterschiedlich mit der Erinnerung an Stalingrad umgegangen wird: Unterschiedlich in Russland und in Deutschland, unterschiedlich in den Generationen. Letzteres macht Mut, zeugt es doch davon, dass Gemeinsamkeiten jenseits nationalen Denkens bestehen. Wie und woran machen sich also diese Unterschiede und woran die Gemeinsamkeiten fest?

Die Museumsausstellungen bildeten den Dreh- und Angelpunkt, an den sich unsere Fragen richteten und sich ein Dialog entwickeln konnte. Der Dialog entwickelte sich jedoch eher innerhalb der Geschichtswerkstatt, während er zwischen uns und den Wolgograder Museen stagnierte. Diese krisenhafte Erfahrung unserer gemeinsamen Arbeit können wir bis heute nicht erschöpfend erklären und bleibt uns für den einen mehr, den anderen weniger irritierend erhalten.

Die Museen transportieren als ‚Vermittler‘ oder ‚Träger‘ der Erinnerungskultur(en) die allgemein akzeptierten (gesellschaftlichen) Motive kollektiver Identitätsstiftung, sie offerieren Identifikationsangebote.

Im Staatlichen Panorama-Museum ist die Geschichtspräsentation mit der Aufforderung zum Gedenken an die Opfer verbunden und nimmt dabei quasi-sakrale Züge an (Vgl. den Essay von Sandra Dahlke). Die Erzählung vom Krieg ist außerdem eine Geschichte von der Bewältigung der Opferrolle und Erlangung der Siegerposition – wer vermag eine solche ‚Erfolgsgeschichte‘ umzuinterpretieren?

Die ständige Ausstellung im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst transportiert den Auftrag, aus der Geschichte zu lernen. Ein pädagogischer Ansatz, der in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte hart erkämpft wurde. In beiden Fällen wird ein gewisser Imperativ erkennbar, der gleichermaßen das Erinnern anmahnt.

Doch wären wir hiermit nun wieder an einem sehr vereinfachten, teilweise dichotomen Schema angelangt. Mit genauerer Betrachtung wurde für uns erkennbar, dass in Wolgograd das offiziell dominierende Geschichtsbild nicht uneingeschränkt akzeptiert wird, dass die Identifikationsangebote nicht generell angenommen werden. Vor allem die junge Generation hat angefangen, das traditionelle Geschichtsbild zu hinterfragen. Ebenso ist in Deutschland der pazifistische Gedanke aus dem Geschichtslernen und eine Destruktion heldenhafter Geschichtsbilder nicht unangefochten Konsens, wie die Kontroversen um die Wehrmachtsausstellung in der Vergangenheit gezeigt haben. Aber die ‚Abweichungen‘ verlaufen gerade außerhalb des institutionalisierten Erinnerungskomplexes, außerhalb der Museen. Diverse Jugendkulturen, Reenactment-Gruppen, ‚Ausgräber‘ und dergleichen mehr zeugen davon – sowohl in Deutschland wie in Russland.

Der Vergleich war ein zentraler Motor, eine zentrale Methode mit dem Ziel, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten sichtbar werden zu lassen. Ein ‚Effekt‘ dieser vergleichenden Vorgehensweise ist das Aufdecken von Strukturen und Mechanismen der jeweils eigenen historischen, gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhänge. Das bedeutet für uns, dass jede und jeder einzelne begonnen hat, sich als durch die Erinnerungskulturen der eigenen Gesellschaft geprägt wahrzunehmen. So hat die Beschäftigung mit dem persönlichen, vor allem familiären Rahmen der eigenen Erinnerung uns die Möglichkeit gegeben, unhinterfragt übernommene Erinnerungsmuster zu erkennen und gegebenenfalls zu kritisieren. Zwar blieben zum Beispiel die Geschichten unserer Familien ein sensibles Thema, das nicht im großen Kreise erzählt oder explizit problematisiert wurde, doch setzten sich einige Teilnehmer untereinander mit ihren Familiengeschichten auseinander. Wir beobachteten und hinterfragten unsere ganz persönliche und die gesellschaftliche Erinnerungskultur.

Die vergleichende Perspektive machte zudem deutlich, wie etwa eine unterschiedliche Geschichtserziehung oder verschiedene Gedenkpraktiken die Herangehens- und Sichtweisen beeinflussen. Wir bemerkten einen auffälligen Unterschied im russischen und deutschen Erinnern an die Schlacht von Stalingrad darin, dass die russischen Teilnehmer viel Faktenwissen besitzen und die deutschen Teilnehmer mehr an den erinnerungstheoretischen Hintergründen der Fragestellung interessiert sind. Die Ereignisgeschichte der Schlacht mit ihren reproduzierbaren konkreten Daten und Episoden am Erinnerungsort Stalingrad-Wolgograd haben einen direkten Bezug zum Alltag der Bewohner der Stadt. Auch wenn wir beobachten konnten, dass manche, vor allem junge Russen die Lebendigkeit der Geschichte in den Ritualen und dem institutionellen Gedenken verblassen sehen, so war auch deutlich wahrzunehmen, dass das Bedürfnis vieler Stadtbewohner, diese Geschichte zu bewahren, überwiegt.

Die deutschen Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren das eine oder andere Mal sichtlich erstaunt über die positiven Stellungnahmen ihrer russischen Kollegen zum Patriotismus und zur Verpflichtung an das Gedenken der sowjetischen Helden. Die russischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer dagegen wunderten sich wiederholt darüber, dass Kriegsheldenverehrung von Wehrmachtssoldaten in Deutschland als neonazistischer Revisionismus gebrandmarkt ist.

Gleichzeitig wurde deutlich, dass in beiden Ländern ein eklatanter Mangel an einer differenzierten Diskussion zum Thema „Kriegserinnerung“ in der allgemeinen Öffentlichkeit herrscht. Es dominieren vereinfachende, populäre und zum Teil populärwissenschaftliche Darstellungen in den diversen Massenmedien. Ein Hinterfragen etablierter Geschichtsbilder ist ‚hier wie dort‘ immer noch ein problematisches Unterfangen – und das gerade, wenn sich daraus ein Konflikt zwischen den Generationen abzuzeichnen droht (Siehe Constanze Stolls Essay).

Die Auseinandersetzung mit den fachlichen Hintergründen der Erinnerungsthematik (Wie die Reflexion der Geschichtswissenschaft in beiden Ländern, die Konzepte der Erinnerungskulturen, des (sozialen, kulturellen) Gedächtnisses etc. (s. dazu die Artikel von Rebekka Blume und Ksenija Srednjak)) förderte Überschneidungen der inhaltlichen und der ‚Beziehungsebene‘ zutage. Beispielsweise anhand der sprachlichen Problematik – und zwar in doppelter Weise: Die
Sprache wurde nicht allein zum pragmatischen Gegenstand im Austausch der russischen und deutschen Gruppe (Siehe Elena Ogarkowas Bericht zur Arbeit der Geschichtswerkstatt), sondern auch auf der fachlichen Ebene galt es, sprachliche Unterschiede und Feinheiten zu reflektieren: „Gedächtnis“ und „Erinnerung“ im deutschen Kontext sind nicht äquivalent mit dem Verständnis von „память“ und „воспоминание“ im russischen (Vgl. die Essays von Constanze Stoll und Ksenija Srednjak).

Ein grundlegender Aspekt, der unseren Vergleich durchgehend beeinflusste, ist die Perspektive auf „Stalingrad“, ist die Nähe und Distanz zu diesem Erinnerungsort. Und dies nicht allein in geographischer oder zeitlicher Hinsicht: In Russland und in Wolgograd selbst hat die Schlacht eine eigenständige, zum Teil zentrale und vor allem unmittelbare Bedeutung. Das Zusammenwirken von Gedenkritualen, institutionalisiertem Gedenken und dem ganz gewöhnlichen Alltag verdeutlicht die Eingebundenheit und aktive Teilnahme an der Ausgestaltung des sozialen wie kulturellen Gedächtnisses (Vgl. den Artikel von Ksenija Srednjak „Erinnerungsort Stalingrad in der russischen Geschichtswissenschaft“). Dabei zeigen sich gleichermaßen inhaltliche Überlagerungen an der Bezeichnung der Stadt und den verbundenen Assoziationen etwa Heldenstadt, gewöhnliche russische Großstadt, Gedenkort usw (Siehe dazu den Essay von Martin Podolak)

In Deutschland erscheint die Verknüpfung zum heutigen Wolgograd weniger präsent. „Stalingrad“ ist ein Begriff, ein Stellvertreter, der üblicherweise mit den Gräueln des Zweiten Weltkriegs verbunden wird, aber gerade auch in anderen (ideologischen) Kontexten mit neuen Inhalten und Bedeutungen belegt werden kann (Vgl. Rebekka Blumes Artikel „Erinnerungsort Stalingrad in der deutschen Geschichtswissenschaft“).

In den Essays, Artikeln und Erfahrungsberichten aller Teilnehmer tritt das Verhältnis der unmittelbaren, persönlichen Erfahrung zu den Erzählungen über die vergangenen Ereignisse hervor. Der Sprachgebrauch und das Reden vom Kriegsgedenken sowie die Begriffe, mit denen die Erlebnisse eingefangen und die Orte der Erinnerung umschrieben werden, werden dabei einer eingehenden Kritik durch die eigenen Erfahrungen in der Geschichtswerkstatt unterzogen. So werden die Erlebnisse und Begegnungen in Wolgograd, in Berlin und Rossoschka zu den prägenden Hintergründen für die Beschäftigung mit der Geschichte und dem Gedenken an den Krieg. Auf diese Weise konnten offen Fragen – etwa nach der Problematik einer Versöhnung (Siehe hierzu Peter Bukowskis Essay) – aufgeworfen und miteinander diskutiert werden. Die nationalen und generationellen Grenzen haben wir dabei kennen gelernt, teilweise überschritten.

Im Laufe der Zusammenarbeit haben sich einige Unterschiede in der Art zu Erinnern gezeigt; wir haben die gemeinsamen Diskussionen für einen Austausch von Meinungen und eine langsame Annäherung der verschiedenen Positionen genutzt. Die Erfahrung der Konfrontation der eigenen Sicht auf die Geschichte mit einer anderen Perspektive hat uns gezeigt, wie wertvoll und wichtig Offenheit, Argumentationsvermögen und die Fähigkeit, Differenzen auszuhalten für einen friedlichen Dialog zwischen uns sind.