Deutsch-russische Geschichtswerkstatt

Open Space „Stalingrad als Gedächtnisort in Russland und Deutschland“

(Wolgo­grad, 15. und 16. März 2008) 
 
Zum Abschluss der letzten Projektphase sollten die Ergebnisse in einem Forum der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Die ursprüngliche Umsetzungsidee wurde dabei dahingehend modifiziert, dass das Forum als open space-Veranstaltung durchgeführt wurde.
 
Während des Projektverlaufs wurde deutlich, dass gerade der Bedarf nach einem fortgeführten, offenen Dialog vordergründig war, da sich ein starrer, traditionsbezogener Hintergrund in der verbreiteten Gedenkpraxis als sehr präsent und massiv herausstellte. Die Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Panorama-Museum musste im eng gesteckten Rahmen der offiziellen Geschichtsinterpretation verbleiben, sodass alternative Entwürfe fast unmöglich erschienen. Zugleich haben wir miterlebt, wie das Museum „Pamjat’“ als alternativer Kooperationspartner quasi vor unseren Augen, also just in der Zeit unseres Aufenthalts in Wolgograd (vom 08. bis 18. März) vom zuständigen Ministerium geschlossen wurde.
 
So wurde die Absicht unserer Geschichtswerkstatt gestärkt, bestehende Positionen vor allem in der offiziellen Erinnerungskultur weiterhin und in einem möglichst großen Rahmen hinterfragbar zu machen. Das open space-Verfahren liefert hierfür die geeigneten Ansätze und die Voraussetzungen für das Gelingen einer solchen Diskussionsform waren gegeben: Das zentrale Thema der Gedächtnisorte der Stalingrader Schlacht ist hinreichend komplex und beinhaltet ein entsprechendes Konfliktpotenzial.
 
Wie im open space-Verfahren angelegt, konnten von allen Teilnehmern sogenannte Anliegen formuliert werden. Diese Fragen oder Themen (im Rahmen des Veranstaltungsthemas) sind für diejenige oder denjenigen so vordergründig, dass sie/er dieses Anliegen mit anderen diskutieren beziehungsweise beantworten möchte. Die Anliegen stellen Diskussionsangebote dar, die in offenen Arbeitskreisen bearbeitet werden, um somit schließlich auch die Inhalte der open space-Konferenz zu generieren.
 
Die zweiundzwanzig vorgebrachten Anliegen lassen im Wesentlichen drei thematische Richtungen erkennen:
  • Fragen, die sich mit der Erinnerungskultur in Russland beziehungsweise konkret in Wolgograd beschäftigen
  • Fragen nach dem Austausch oder dem Vergleich des deutschen und russischen Gedenkens an den Krieg
  • übergeordnete Themen, die auf allgemeine Erfahrungen, auf Theorien und (Begriffs-)­Definitionen zielen
 
Die Gegenstände dieser Anliegen bildeten unter anderem konkrete Ereignisse wie die Kommerzialisierung des Gedenkkomplexes Mamajew Kurgan, die Schließung des Museums „Pamjat’“, der heutige Umgang mit den ehemaligen Kriegsteilnehmern oder etwa die These „Stalingrad als Handelsmarke“ („Сталинград как брэнд“). In vergleichender Absicht wurde weiter nach der Beurteilung und Bedeutung der Stalingrader Schlacht und ihrer Teilnehmer auf der deutschen Seite gefragt. Ob und wie wird Stalingrad in deutschen Kinofilmen, in Museen und im Unterricht gedacht? Übergeordnet entwickelten sich zudem Fragen nach den allgemeinen Funktionsmechanismen von Erinnerung und Gedächtnis, nach der Bedeutung eines Heldenkults sowie nach den Unterschieden und Gemeinsamkeiten von Kommunismus und Faschismus.Bei all den unterschiedlichen Anliegen kristallisierten sich übergreifende Themenstränge heraus, von denen besonders die Frage nach dem „Patriotismus“ beziehungsweise einem Verständnis davon hervortrat. Beispielsweise wurde in der Diskussion „Pro und Kontra einer Kommerzialisierung des zentralen Denkmalkomplexes Mamajew Kurgan“ der Punkt festgehalten, es würde sich in einem solchen Fall um eine „Herabsetzung patriotischer Gefühle“ handeln. Und in der Frage nach dem Bild Stalingrads in deutschen Spielfilmen kam die Sprache schließlich auf den unterschiedlichen Umgang mit Patriotismus in deutschen und russischen Filmen. Direkt thematisiert wurde dieser konstatierte Unterschied in der Diskussionsrunde „Das Verständnis von Patriotismus in Deutschland und in Russland“. Demnach werde in Deutschland Patriotismus zumeist mit Nationalismus gleichgesetzt, sei teilweise auch mit Militarismus verknüpft und werde häufig negativ bewertet. Der „Russische Patriotismus“, so wurde unter anderem geäußert, sei hingegen vor allem in der (geistigen) „Kultur“ verankert und daher nicht ausschließlich auf nationale Attribute – wie etwa die offizielle Staatsangehörigkeit  – beschränkt.
 
Dass sich die Fragen häufig – mal mehr und mal weniger deutlich – auf das Thema „Patriotismus“ zugespitzt haben, zeigt, wie gegenwärtig die Auseinandersetzung mit diesem Komplex ist. Im Patriotismusverständnis konzentrieren sich allgemeingesellschaftliche Identifikationsangebote und Identitätskonstruktionen, die letztlich in den Diskussionen eine Positionierung verlangen – wobei unter anderem auch Fragen der Zugehörigkeit und Abgrenzung verhandelt werden. „Patriotismus“ steht dabei für eine Verortung innerhalb der Gesellschaft und in Relation zu ‚anderen Gesellschaften‘. Manche Argumentationen wiederholen dabei bekannte (stereotype) Erklärungsmuster, wie die Teilung in ‚formale‘ (westliche) und ‚kulturelle‘, sprich ‚geistige‘ (östliche) Handlungsorientierungen.
 
Aber gerade in den Dialogen zwischen russischen Schülern, Studenten und ihren Lehrern, Dozenten wurde offensichtlich, dass genau an diesem Punkt noch viel Klärungsbedarf besteht und alternative Sichtweisen in den Blick genommen und auch in die Diskussion eingebracht wurden. Das Interesse für die deutsche Sicht auf die Geschichte und der daraus resultierenden Einstellung zum Patriotismus heute hat den Meinungsaustausch stark angeregt und dabei neue Impulse gesetzt. Für die deutschen Teilnehmern war es anders herum sehr aufschlussreich, das russische Verständnis von Patriotismus verstehen zu lernen, das einen teilweise anderen Entwurf vermittelt: durchaus ohne Nationalismus, allerdings vielfach noch mit einer starken Traditionsgebundenheit und dem Primat einer kollektiven Verpflichtung im Hinterkopf. Mahnungen, die „heldenhaften“ Leistungen der Vorfahren nicht zu vergessen, schienen allerorts und auch im Patriotismusbegriff gegenwärtig. Mit dem gegenseitigen Austausch während des open space hat sich insgesamt ein Bild vom jeweils ‚Anderen‘ immer weiter aufgefächert, sodass eindeutige und insbesondere polare Zuordnungen immer schwieriger erscheinen.