Deutsch-russische Geschichtswerkstatt

Nach dem ersten gemeinsamen Treffen im Februar 2007 in Wolgograd haben acht Teilnehmer der Geschichtswerkstatt ihre Eindrücke von der Projektarbeit in verschieden Texten festgehalten. In Essays, Artikeln und Erfahrungsberichten beschäftigen sie sich unter anderem mit der musealen Darstellung von Erinnerung, dem generationsbedingten Kriegsgedenken, den verschiedenen Perspektiven auf Erinnerungsorte innerhalb des thematischen Rahmens einer vergleichenden Betrachtung der Erinnerungskulturen in Russland und Deutschland. Dabei kreisen die sehr unterschiedlichen und voneinander unabhängigen Texte um ganz ähnliche Aspekte: Das Verhältnis der unmittelbaren, persönlichen Erfahrung zu den Erzählungen über die vergangenen Ereignisse, der Sprachgebrauch und das Reden vom Kriegsgedenken sowie die Begriffe mit denen die Erlebnisse eingefangen und die Orte der Erinnerung umschrieben werden.

Was mir unter den Nägeln brennt

Oder: Was macht unsere deutsch-russische Verständigung über die unterschiedliche Erinnerungs­kulturen so schwierig?

Ich erinnere die vierzehn Tage unseres Aufenthalts in Wolgograd im Februar 2007 – passend zum 64. Jahrestage des Endes der Schlacht von Stalingrad – vor allem als voll und anstrengend. Kalt und kraftraubend, weniger wegen der gefühlten Minusgrade und der Husterei, die mich zwei Wochen lang quälte; eher der Kälte unseres deutsch-russischen Gedenkgegenstands wegen – die Schlacht von Stalingrad –, wegen der Sperrigkeit der Begriffe und meines Eindrucks, kommunikativ immer wieder in Sackgassen geraten zu sein. Auch wegen des Horrors dieser Schlacht. Es gibt einige Orte auf dieser Welt, an denen sich der nationalsozialistische Terror auch heute noch sehr direkt mitteilt – Wolgograd ist für mich einer davon.

Weiterlesen...

Das Zusammentreffen der russischen und deutschen Gruppe

Eines der wichtigsten Resultate des Treffens war unsere persönliche Bekanntschaft – ohne die wäre es unmöglich, ein einheitliches Gruppengefühl zu bekommen. Aber zugleich wurde klar, dass wir ganz unterschiedlich sind, und dass auch unsere Erwartungen an das Projekt verschieden sind. Aber wenn man auf effektive Zusammenarbeit eingestellt ist, ist dies eher ein Vorteil als Nachteil des Projekts.

Weiterlesen...

Meine Gedanken über das Projekt

Heute war ich in der Vorlesung zum Thema „Großer Vaterländischer Krieg“. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass ich stets an unser Projekt dachte und mich fragte „was wird weiter sein?“ Wir sollten nicht vergessen, dass die Frage, was Gedächtnis und was Erinnerungen sind, ungeklärt geblieben ist. Aber eben diese Frage ist meiner Meinung nach mit am interessantesten.

Weiterlesen...

Ein paar Gedanken zur Reise nach Wolgograd

Zunächst

Um zu verdeutlichen, wo ich meine persönliche Aufgabe im Projekt sehe, möchte ich zunächst erläutern, was mich dazu bewegt hat, an der Geschichtswerkstatt teilzunehmen. Ich war auf der Suche nach einer Möglichkeit, mich nach einigen Jahren wieder ehrenamtlich intensiv mit Russland beschäftigen zu können. Ich wollte mein Bild über das Land erweitern. Aufgrund meines großen geschichtlichen Interesses kam das Angebot, an der Geschichtswerkstatt teilzunehmen, wie gerufen. Es war eine gute Gelegenheit, mich an historischer Arbeit zu beteiligen, was mir im Rahmen meines Fernstudiums sonst nicht möglich ist. Mich interessierten zudem das Entstehen eines Geschichtsprojekts und die Arbeitsweise der Gruppe.

Weiterlesen...

Wolgograd

Mit unserer Wolgogradfahrt habe ich zugleich meinen ersten russischen Winter erlebt. (...) Die Zeremonien zum Jahrestag der Schlacht hatte ich mir etwas größer und kompakter vorgestellt. (...) Es war für mich ein komisches Gefühl, die Veteranen zu sehen. Ich kann glaube ich jetzt besser nachvollziehen, dass Menschen patriotische Gefühle entwickeln, obwohl alles ein bisschen zu leer und zu steif ablief. Mir schien, dass die Veteranen nur einmal im Jahr „aus ihren Löchern“ heraus kommen. Wo sind sie denn sonst? Bisher sind mir in Russland nur wenige alte Menschen begegnet. Was haben die Veteranen nach der Zeremonie gemacht? Sind sie einfach wieder nach Hause gegangen, gab es ein offizielles Essen? Kommen die Veteranen bei solchen Zeremonien überhaupt mal zu Wort oder sind sie nur passive Zuhörer, um nicht zu sagen Statisten? Die Helden von einst – haben sie bessere Renten als gewöhnliche Bürger im Pensionsalter? Ich habe mich dabei ertappt, dass mir die Feierlichkeiten geheuchelt vorkamen. Es sind einige Fragen für mich offen geblieben.

Weiterlesen...

Das Wolgograder Panorama-Museum

Der Museumskomplex

Das Wolgograder Staatliche Panorama-Museum „Die Schlacht von Stalingrad“ wurde am 6. Mai 1985 für die Besucher geöffnet, zwei Monate, nachdem Michail Gorbatschow zum Generalsekretär der KPdSU gewählt wurde. Der Museumskomplex, der in der Breschnew-Zeit, dem Höhepunkt des Gedenkens an den Großen Vaterländischen Krieg und der Heldenverehrung, geplant und gebaut wurde, umfasst neben dem 360° umspannenden Schlachtenpanorama acht Ausstellungsräume, die kreisförmig um den einem Pantheon gleichenden „Saal des Triumphs“ angeordnet sind. Die äußeren, sehr dunkel gehaltenen Ausstellungsräume, die einige Teilnehmer der Geschichtswerkstatt an einen Schützengraben erinnerten, kontrastieren stark mit dem weiß gestrichenen, hohen und lichtdurchfluteten Kuppelsaal des Triumphs. Die Ausgestaltung der acht Ausstellungsräume entspricht der für die Geschichte der Stalingrader Schlacht typischen sowjetischen Darstellungsordnung: Raum 2 ist dem Beginn der Stalingrader Schlacht gewidmet, Raum 3 dem „Mut und der Tapferkeit der Verteidiger Stalingrads“, Raum 4 den Straßenkämpfen in Stalingrad, Raum 5 der Hilfe der Bevölkerung für die Soldaten, Raum 6 der Gegenoffensive der sowjetischen Truppen, Raum 7 den Marschällen und Generälen, die an der Schlacht teilgenommen haben, Raum 8 dem „Sieg des Sowjetvolkes in der Stalingrader Schlacht“. In Raum 8 befindet sich der einzige Zugang zum Saal des Triumphs und zum darüber liegenden Panoramagemälde.

Weiterlesen...

Rossoschka und wir

Das kleine Dörfchen Rossoschka liegt etwa 35 Kilometer nordwestlich von Wolgograd. Im Herbst und Winter 1942/43 lag dieser Flecken mitten in dem Kessel, in welchen die Rote Armee die Truppen des Generaloberst Paulus gedrängt hatte. Rossoschka war bis 1942 ein kleines Dorf in der Nähe des Flugplatzes Gumrak, wo bereits während des Krieges ein Friedhof mit über 600 Gräbern angelegt worden war. Nach der Schlacht von Stalingrad gab es den Ort, in dem ehemals über 2000 Menschen gelebt hatten, nicht mehr – Rossoschka war verbrannt und zerbombt worden. Erst in den 50er Jahren wurde der Ort einige Kilometer weiter westlich wieder aufgebaut.

Weiterlesen...

Eindrücke

Für den 2. Februar bereiteten mein Bruder und ich zusammen mit dem Team unseres militärgeschichtlichen Vereins „Pechotinez“ („Infanterist“) die Szene vor, wie Feldmarschall Paulus im Keller des Zentralkaufhauses festgenommen wird. An diesem Ort befindet sich heute das Museum „Wachta Pamjati“ („Die Wache der Erinnerung“). Es ergab sich, dass der Aufenthalt der deutschen Gruppe in Wolgograd und dieses Ereignis zusammentrafen. Da ich die Rolle des Dolmetschers spielen und Deutsch sprechen sollte, war ich sehr aufgeregt. Aber die deutschen Teilnehmer der Werkstatt, die schließlich unsere Inszenierung besuchten, würdigten meine Bemühungen durchaus.

Weiterlesen...