Deutsch-russische Geschichtswerkstatt
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Erinnerungsort Stalingrad in der deutschen Geschichtswissenschaft Drucken
Geschrieben von: Rebekka Blume   

Vor einigen Wochen traf ich auf der Straße in Bremen einen jungen Mann, auf dessen rotem T-Shirt die Aufschrift „1943 Stalingrad“ prangte. Auf Nachfrage, warum er dieses T-Shirt trage, antwortete er, dass er damit eine politische Stellungnahme abgeben wolle. Er trete damit neofaschistischen Tendenzen unter deutschen Jugendlichen entgegen, indem er auf die „größte“ Niederlage des nationalsozialistischen Deutschlands hinweise. An diesem kleinen Beispiel zeigt sich sehr gut, wie sehr die Schlacht von Stalingrad als eine wichtige Metapher in das kollektive Gedächtnis in Deutschland eingegangen ist.

Geschichtsdiskurse und die Herausbildung des sozialen Gedächtnisses

Die öffentliche Auseinandersetzung mit Vergangenheit in den Medien, auf öffentlichen Veranstaltungen, in Museen und im Rahmen anderer Institutionen, die sich mit Vergangenheit beschäftigen, ist in vielen Fällen gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit Gegenwart und Zukunft. In den Diskussionen über die weltpolitische Lage und politische Entscheidungen wird Geschichte von den Akteuren der Diskussionen häufig als Waffe eingesetzt1. Geschichte wird zum Bestandteil der politischen Auseinandersetzungen und Argumentationen. Sie wird so interpretiert, dass sie die Interessen der Beteiligten der Diskussion legitimiert und unterstützt. In den Diskussionen über historische Ereignisse geht es oftmals nur vordergründig um Geschichte, hinter diesen Debatten stehen Diskussionen über grundlegende Vorstellungen, Normen und Werte. Die Beteiligten der Diskussionen versuchen, ihre Interpretation der Geschichte und somit ihre Wertvorstellungen als allgemein anerkannt durchzusetzen2.

IIn einer Gesellschaft gibt es viele verschiedene Diskurse über Geschichte, die sich zum Teil überschneiden. Sie sind durch Diskursregeln und Themen voneinander unterschieden. Die Regeln legt fest, wer in diesen Auseinandersetzungen zu Wort kommt und seinen Argumenten Gehör verschaffen kann. Diskurse sind Verständigungen der Akteure über einen Gegenstand. Die Diskurse können in Form von Texten, sprachlichen Beiträgen und symbolischen Aussagen zum Beispiel als Denkmäler, in Festakten oder Bildern stattfinden.

Wenn sich eine neue Deutung der Geschichte in einer Gesellschaft durchsetzt, hat das oft direkte Auswirkungen auf symbolische Ausdrucksformen; der symbolische Raum, der im Diskurs ausgehandelt wird, verändert sich. Zum Beispiel werden, wenn sich in einem Staat ein neues Geschichtsbild durchsetzt, oft andere Feiertage, andere Staatssymbole eingeführt, alte Denkmäler werden abgebaut, neue aufgestellt. Die Deutungselite ist bestrebt, ihre Sicht auf Geschichte im öffentlichen Raum und auch im zeitlichen Horizont der Gesellschaft, zum Beispiel im Kalender, sichtbar zu machen. Diese zeitlichen, räumlichen und symbolischen „Gedächtnisorte“3 sind als „narrative Abbreviaturen“4 eine Form von schneller Verständigung über Geschichte und über politische, gesellschaftliche oder persönliche Wertvorstellungen. Der Name „Stalingrad“ wird zum Beispiel als Abkürzung für die Ereignisse in der südrussischen Stadt zwischen Oktober 1942 und Februar 1943 gebraucht. Jedem Gesprächspartner ist sofort klar, dass es sich nicht um die Stadt, sondern um die Schlachtereignisse handelt. Hinter dem Begriff steht eine Reihe von Bedeutungen: wie zum Beispiel die weit verbreitete Behauptung „Wendepunkt des Krieges“ (siehe das einleitende Beispiel der Aufschrift auf dem T-Shirt) oder „Verrat Hitlers am einfachen Landser“.

Diskurse haben also neben der symbolischen auch eine Handlungsform des Argumentierens und Kommunizierens, durch die die Akteure zum Beispiel in Geschichtsdiskursen ihre unterschiedlichen Interpretationen als „wahr“ durchzusetzen versuchen, um dadurch Deutungsmacht über den Gegenstand, über Handlungsoptionen und über Wertvorstellungen zu erlangen5. Die Akteure solcher Diskurse stellen jeweils ihre Position als objektiv und als die „historische Wahrheit“ dar.

Man könnte auch sagen, in den Diskursen werden die sozialen Rahmen des gemeinsamen Gedächtnisses einer Gruppe ausgehandelt. Diese Rahmen legen fest, was erinnert und was vergessen werden soll, um den Zusammenhalt der Gruppe zu stärken. Jedes Individuum erinnert sich nur durch den Austausch mit Anderen und mit Bezug auf Andere6. Daher ist Gedächtnis immer kollektiv, individuelles Gedächtnis ist nur die Zusammensetzung von verschiedenen kollektiven Gedächtnissen der Gruppen, zu denen das Individuum gehört7.

Die Vergangenheit kann als Legitimation von bestehenden Strukturen eingesetzt werden, zur Delegitimierung dieser Strukturen oder von Wahrheits- und Deutungsmachtansprüchen anderer Beteiligter der Auseinandersetzung8. Außerdem kann sie zur Demonstration der Zusammengehörigkeit einer Gruppe und einzelner Mitglieder verwendet werden, indem sich die Gruppe auf ein Kollektivgedächtnis einigt9. Das gemeinsame Gedächtnis wird zum Bestandteil der Identität und des Selbstverständnisses der Gruppe. Die Identität, die in diesem Prozess erst gesellschaftlich geschaffen und aufrechterhalten wird10, hilft der Gruppe und den Gruppenmitgliedern, in den wechselnden Lebenssituationen eine Kontinuität des Selbstverständnisses und damit „Intelligibilität“11 zu wahren12.

Nachdem hier einige allgemeine Tendenzen von Geschichtsdiskursen skizziert wurden, soll im Folgenden näher auf die Theorie der Erinnerungsorte eingegangen werden, die von Pierre Nora entworfen wurde.

„Erinnerungsorte“ als Metaphern des kollektiven Gedächtnisses

Noras Projekt stellt den Versuch dar, die französische Nationalgeschichte neu zu erzählen. Angesichts des „Auftauchens der chaotischen Vielfalt von sich widersprechenden Perspektiven auf die Geschichte seit dem Beginn des Postkolonialismus suchte Nora nach neuen Möglichkeiten, sich der Geschichte zu nähern. Eine chronologische Geschichtserzählung war unter diesen Umständen nicht mehr möglich, weil es unmöglich ist, die Flut von Daten, die auf die Gesellschaften vor allem seit der Weiterentwicklung der elektronischen Medien einströmt, zu einem kohärenten, chronologischen und logischen Geschichtsbild zusammenzusetzen. Nora konstatiert mit seinem Projekt der Erinnerungsräume das Ende der vormodernen Erinnerungsgemeinschaften, die im dörflichen Umfeld einfachen Mythen der Vergangenheit erzählten, um ihre Herkunft zu erklären, die Gegenwart verständlich zu machen, die Zukunft absehbar erscheinen zu lassen und damit ihre Gemeinschaft zu stärken. Die heutigen sich widersprechenden Geschichtsbilder sind nicht mehr das Produkt einer Erinnerungsgemeinschaft sondern vieler kleiner Gruppen oder Individuen. Ziel des Projekts von Pierre Nora war es, Frankreich nicht mehr als Endpunkt der Geschichte darzustellen, auch nicht als Ergebnis einer klar strukturierten Abfolge chronologischer Ereignisse, sondern als symbolische Realität13.

Die einzigen Hinterlassenschaften der vormodernen Geschichtsmythen sieht Nora in den Erinnerungsorten. Es sind Orte im Gedächtnis, die subjektiv aufgeladen sind, also den sozialen Aspekt der Erinnerung beinhalten und noch die Merkmale der Geschichtsmythe tragen. Das Gedächtnis, das in den Erinnerungsräumen transportiert wird, ist nicht historisch-leblos, sondern aktuell. Es kann für die Bedürfnisse der Gesellschaft aufbereitet werden. Es legitimiert und delegitimiert soziale und politische Verhältnisse, es lässt sich instrumentalisieren und passt sich den Bedürfnissen der Erinnerungsgesellschaft an14.

Es handelt sich bei den Erinnerungsorten nicht nur um materielle Orte. Auch andere materielle Dinge, wie Flaggen, Schulbücher, Symbole, Wappen, die oft einen Teil der Geschichte eines Landes erzählen, können Erinnerungsorte darstellen, weil sich in ihnen eine Geschichte, die Erzählung der Vergangenheit konzentriert. Auch ideelle Symbole, die auf eine Vergangenheit verweisen, können einen Erinnerungsort im sozialen Gedächtnis darstellen. Zu diesen ideellen Erinnerungsräumen zählen unter anderem Institutionen wie der deutsche „Feierabend“, Redewendungen, Kalender oder Worte, in denen sich Erinnerungen kristallisieren, wie die Redewendung „wie Paulus vor Stalingrad“. Ein Erinnerungsort kann auch einfach eine funktionelle Komponente haben. Das ist ein Gemeinplatz des Gedächtnisses, der einem Ritual unterliegt. Ein gesellschaftliches Ritual gehört zum Beispiel zu diesem Komplex15.

Untersucht man einen Erinnerungsort, werden die verschiedenen Schichten der Erinnerung und damit die verschiedenen Perspektiven auf diesen Erinnerungsort deutlich. Dadurch kann die Konstruktion einer Erinnerung beleuchtet werden16. Dadurch wird nicht mehr der historische Gehalt des Erinnerungsortes in den Mittelpunkt gestellt, sondern die Historiographie, der Umgang mit diesem Teil der Vergangenheit.

Stalingrad als deutscher Erinnerungsort: Instrumentalisierung in der nationalsozialistischen Öffentlichkeit

Um sich der Betrachtung Stalingrads als Erinnerungsort zu nähern, müssen die Schichten der Erinnerung, die sich um das Ereignis angelagert haben, beschrieben werden. Schon in der Propaganda des Nationalsozialismus wurde die Schlacht um Stalingrad zu einem starken Symbol aufgebaut. Schon bevor die Kampfhandlungen im Stalingrader Gebiet begannen, bekam die sogenannte Operation „Blau“, deren Ziel das Vordringen zu den kaukasischen Erdölquellen war, eine ideologische Ausrichtung. Nicht zuletzt drückte sich das darin aus, dass die Schlacht für die Anwerbung von ausländischen und deutschen Freiwilligen in die SS instrumentalisiert wurde. Die Propaganda behauptete, es gehe um einen „Kampf gegen den Bolschewismus“17. Diese propagandistische Parole sollte später wieder auftauchen. Zur Zeit der Schlacht berichteten die deutschen Medien vor allem über Siege vor und in Stalingrad. Die überwiegende Zahl der Niederlagen wurde verschwiegen. Stalingrad erschien dabei oft als ideologischer Ort, als Zentrum der sowjetischen Industrie, das erobert werden müsse. Auch die Bezeichnung „Stadt Stalins“ spielte bei der Berichterstattung eine Rolle18. Die angreifenden deutschen Soldaten wurden in den Berichten im „Völkischen Beobachter“ als „Verteidiger Stalingrads“ dargestellt. Die propagandistische Sinnkonstruktion der nationalsozialistischen Medien stellte den Kampf in Stalingrad als militärisch und ideologisch sinnvoll dar. Er habe mehrere sowjetische Armeen gebunden, zudem wurde die Rhetorik aufgegriffen, die gegen die Sowjetunion gerichtet war. Die Schlacht wurde wieder als Kampf gegen den Bolschewismus gedeutet und erschien als „Verteidigungskampf“ nicht nur Deutschlands sondern Europas. Dabei stützte sich die Propaganda auf die in der deutschen Gesellschaft weitverbreiteten und durch die Medien geschürten Ängste vor einer Besetzung durch die Sowjetunion19. Die toten Soldaten wurden von der nationalsozialistischen Öffentlichkeit vereinnahmt. Sie erschienen als Opfer für die nationalsozialistische Politik.

Allerdings wurde über die ermordete Zivilbevölkerung in Stalingrad geschwiegen. Dieses Schweigen wurde auch im Nachkriegsdeutschland fortgeführt, obwohl in den Nürnberger Prozessen die Morde an der Bevölkerung einen Teil der Anklageschrift darstellten und daher der deutschen Gesellschaft bekannt sein mussten.

Die Stalingrader Schlacht in den deutsch-deutschen Beziehungen

Eine besondere Rolle bei der Deutung der Schlacht in der DDR nahm das Nationalkomitee „Freies Deutschland“ (NKFD) ein, eine von der sowjetischen Regierung geförderte Gruppe, in der sich einige deutsche Offiziere befanden, die an der Stalingrader Schlacht teilgenommen hatten. Die Regierung der DDR rekrutierte sich zu Teilen aus dieser Gruppe. Unter anderem war Walter Ulbricht Mitglied des NKFD. Dadurch wurde die Stalingrader Schlacht in den fünfziger Jahren zu einer Art Gründungsmythos der DDR aufgebaut.

Vor dem Hintergrund des Koreakrieges stellte die Historiographie der DDR der Wiederbewaffnung der BRD in den Jahren 1950–53 die Kontinuitätslinie Niederlage in Stalingrad, dadurch Reinigung der Soldaten vom Nationalsozialismus, Übergang vieler Deutscher in das Lager des Friedens, Gründung des NKFD, Gründung der DDR entgegen20. Die Schuldfrage der DDR-Gesellschaft wurde mit der Reinigung vom Nationalsozialismus durch die Erlebnisse in Stalingrad und in der Kriegsgefangenschaft beantwortet. Eine sozialistische, antifaschistische und friedliebende Gesellschaft konnte nicht Schuld an den Verbrechen des Nationalsozialismus sein.

Während die Sowjetunion in den DDR-Texten als die deutlich überlegene und zudem moralisch integre Macht erscheint, stellen die autobiographischen und literarischen Verarbeitungen der Stalingrader Schlacht die Niederlage als Folge von vielen Führungsfehlern auf der deutschen Seite dar. Dabei erscheint der deutsche Soldat als das machtlose Opfer der skrupellosen nationalsozialistischen Politik, die als „Verrat“ an den deutschen Soldaten bezeichnet wird 21. Dadurch wird der Schuldfrage aus dem Weg gegangen.

In den sechziger Jahren wurde diese Geschichtsperspektive stark hinterfragt. Die Generation der Kinder der Kriegsteilnehmer verband ihren Protest gegen das bürgerliche Establishment mit einer scharfen Kritik am Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Neben der Kritik, dass es keinen Elitenwechsel seit dem Nationalsozialismus gegeben habe, war ein Kritikpunkt die Selbstviktimisierung der Kriegsteilnehmer, die sich vor allem in der einseitigen Thematisierung der Leiden der einfachen Soldaten im Krieg und in der Kriegsgefangenschaft ausdrückte.

Dieser Angriff auf das etablierte Bild der Schlacht im westdeutschen Gedächtnis beschädigte den Stalingradmythos stark. Der Verweis auf die Verantwortung der einzelnen Soldaten für die Katastrophe schockierte viele Menschen, die sich mit einer verdrängten Vergangenheit konfrontiert sahen22. Das führte dazu, dass die Präsenz des Themas der Schlacht in der westdeutschen Öffentlichkeit stark abnahm. Die Menschen waren nicht bereit, sich mit dem schwierigen Thema der eigenen Schuld zu konfrontieren.

Auch in der DDR wurde das Thema der Stalingrader Schlacht kaum noch thematisiert. Dort kam diese Veränderung durch den Führungswechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honecker und durch die in der DDR verspätet einsetzende Entstalinisierung zustande. Der Stalingradmythos der DDR war ja unter anderem auch eine wichtige Legitimationsbasis der Macht Ulbrichts gewesen und hatte nun ausgedient23.

Das Gedächtnis an die Schlacht um Stalingrad wurde erst Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre in beiden deutschen Staaten wieder aufgefrischt. Auf beiden Seiten der deutsch-deutschen Grenze hing das mit der Reihe von Gedenktagen vierzig Jahre nach den Kriegsereignissen in den achtziger Jahren zusammen. In der DDR wurde nun nur noch wenig über das NKFD geschrieben. Die Stärke der Roten Armee stand im Vordergrund der Darstellungen der sowjetischen Autoren, deren Berichte nun die Medien dominierten.

In der BRD zeichnete sich das vierzigjährige Gedenken an die Kriegsereignisse vor allem dadurch aus, dass wiederum eine neue Generation und damit eine neue Perspektive in der Öffentlichkeit auftauchte. Diese Zeit war davon geprägt, dass die Stimmen der ehemals jungen Frontsoldaten laut wurden. Es waren die einfachen Soldaten, die sich nun für eine „Perspektive von unten“ einsetzten. Dadurch wurden zwar die früheren Darstellungen ergänzt, dennoch hält diese Perspektive die Möglichkeit der Selbstviktimisierung offen. In der Jugend erlernte nationalsozialistische Deutungsschemata wurden dabei nicht selten unhinterfragt reproduziert. Allerdings zeichnete sich diese Zeit auch dadurch aus, dass die Forschung diese Zeitzeugenaussagen kritisch hinterfragte 24.

Die Schlacht von Stalingrad in den vergangenen zwei Jahrzehnten der BRD

Die vergangenen zwei Jahrzehnte sind in Deutschland zum einen davon geprägt, dass die Konkurrenz um die „richtige“ Geschichtssicht zwischen den beiden Staaten durch die Vereinigung fortfällt. Möglicherweise gibt es auch einen Zusammenhang zwischen dem Bemühen, einen positiven Bezug zu Deutschland in der Gesellschaft aufzubauen und der Entwicklung, dass die Thematisierung der nationalsozialistischen Verbrechen hinter derjenigen der Leidensgeschichte der Deutschen zurücktrat25.

Eine weitere Veränderung des Gedächtnisses in Deutschland beruht auf dem langsamen Aussterben der Generation der Kriegsteilnehmer. Durch das Wegfallen dieser Generation, die mit der Erinnerung an den Krieg noch sehr persönliche Fragen verbindet, wird sich das deutsche Gedächtnis an den Krieg stark verändern. Gleichzeitig verliert aber das Gedächtnis an die Ereignisse durch den Generationswechsel auch an Bedeutung. Es lebt fast nur noch zu runden Gedenktagen oder als Schlagwort der politischen Öffentlichkeit wie im einleitenden Beispiel des T-Shirt-Aufdrucks auf. Zwar verbinden viele junge Leute Stalingrad auch heute noch als eine der ersten Assoziationen mit dem Zweiten Weltkrieg, aber der Name der Stadt erscheint nur noch wie eine leere Worthülse. Immer noch sehen viele von ihnen Stalingrad als Kriegswendepunkt. Diese Annahme wird auch in Schulbüchern verbreitet.

Auch in der medialen Aufbereitung wird die Schlacht an der Wolga in den letzten Jahren immer öfter nur noch als charismatische Kulisse verwendet. Der amerikanische Stalingrad-Film „Snyper at the Gates“ benutzt die Kulisse Stalingrads vor allem als Hintergrund für eine abenteuerliche Kriegsgeschichte, in der Heldentum mit einer Liebesgeschichte kombiniert wird. Das historische Ereignis steht nicht im Vordergrund.

Ein weiteres Beispiel ist das Computerspiel „Medal of Honor“, von dem 2003 eine neue Version veröffentlicht wurde, in dem die Kriegshandlungen bei Stalingrad den Rahmen des Egoshooters darstellt. Der Spieler und die Spielerin müssen als Soldaten in Stalingrad die Schlacht gewinnen.

Einen etwas anderen Umgang mit den Ereignissen hat ein deutsches Reiseunternehmen gewählt. Es hat sich auf Gruppenreisen zu den bekanntesten Schlachtfeldern der deutschen Geschichte spezialisiert. Neben Fahrten nach Verdun gibt es auch das Angebot, mit einer Gruppe nach Wolgograd zu fahren, um dort den Spuren der Stalingrader Schlacht nachzugehen.

Fußnoten

1)   Wolfrum, Edgar: Geschichte als Waffe. Vom Kaiserreich bis zur Wiedervereinigung, Göttingen, 2001. S.5. zurück
2)   Ders.: Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland 1949-1989. Phasen und Kontroversen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte B45/98, 1998. S.3–15, hier S.5. zurück
3)   Große-Kracht, Klaus: Gedächtnis und Geschichte: Maurice Halbwachs – Pierre Nora. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 1(1996). S.21–31, hier S.28. zurück
4)   Ebd., S.28. zurück
5)   Niedermüller, Peter: Zeit, Geschichte, Vergangenheit. Zur kulturellen Logik des Nationalismus im Postsozialismus. In: Historische Anthropologie 2, 1997. S. 245–267, hier S. 249. zurück
6)   Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis: Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München, 1999. S.36. zurück
7)   Ebd., S.37. zurück
8)   Ebd., S.124. zurück
9)   Ebd., S.39. zurück
10)   Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt a.M., 1998, S.38. zurück
11)   Ebd. zurück
12)   Bergmann, Klaus: Identität. In: Bergmann, Fröhlich, Kuhn, Rüsen, Schneider (Hg.): Handbuch der Geschichtsdidaktik, Seelze-Velber, 1997. S.23–29, hier S.24. zurück
13)   Nora, Pierre: Das Abenteuer der Lieux de mémoire. In: François, Etienne: Nation und Emotion. Deutschland und Frankreich im Vergleich. 19. Und 20. Jahrhundert. Göttingen, 1995. S.85. zurück
14)   Carcenac-Lecomte, Constanze: Pierre Nora und ein deutsches Pilotprojekt. In: Carcenac-Lecomte, Czarnowski, Frank, Lüdtke (Hg.): Steinbruch Deutsche Erinnerungsorte: Annäherung an eine deutsche Gedächtnisgeschichte. Frankfurt a.M., 2000. S.16. zurück
15)   Ebd., S.18. zurück
16)   Nora, Göttingen, 1995, S.87. zurück
17)   Wegner, Bernd: Vom Lebensraum zum Todesraum. Deutschlands Kriegsführung zwischen Moskau und Stalingrad. In: Förster (Hg.): Stalingrad, Ereignis, Wirkung, Symbol. München, 1993. S.23. zurück
18)   Kumpfmüller, Die Schlacht von Stalingrad. Metamorphosen eines deutschen Mythos. München, 1995. S.31. zurück
19)   Ebd., S.46. zurück
20)   Ebd., S.174. zurück
21)   Ebd., S.202. zurück
22)   Frei, Norbert: „‚Stalingrad‘ im Gedächtnis der (West-)Deutschen“. In: Peter Jahn (Hg.): Stalingrad erinnern. Stalingrad im deutschen und im russischen Gedächtnis. Berlin, 2003, S.8–15., hier S.12. zurück
23)   Ebert, Jens: „Erziehung vor Stalingrad“. Die Schlacht in der ostdeutschen Mentalitätsgeschichte. In: Jahn, Peter (Hg.): Stalingrad erinnern. Stalingrad im deutschen und russischen Gedächtnis. Berlin, 2003. S.21. zurück
24)   Ueberschär, Gerd: Die Schlacht von Stalingrad in der deutschen Historiographie. In: Wette, Ueberschär (Hg.): Stalingrad. Mythos und Wirklichkeit einer Schlacht. Frankfurt a.M., 2003. S.201. zurück
25)   Wrochem, Oliver von: Stalingrad erinnern. Zur Historisierung eines Mythos. In: Zeithistorische Forschungen, Online-Ausgabe, 1 (2004), H.2, URL: http://www.zeithistorische-forschung.de/|­16126041-Wrochem-2-2004. zurück
 
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