| Bruder … Schwester, oder: die Welt ist klein – мир тесен! |
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Im Juli 2008 fand die ersten Begegnung zwischen den deutschen und russischen Schülern statt. Lesen Sie hierzu den folgenden Bericht.
Am 3. Juli 2008 fuhren die zehn deutschen Schüler und Schülerinnen der St. Pauli-Ganztagsschule samt zwei ehrenamtlichen Dolmetscherinnen, zwei Zehntklässlerinnen, mit ihrem Lehrer Christoph Berens, dem Sozialpädagogen Axel Wiest, genannt Druschba und Constanze Stoll, der Koordinatorin des Projekts nach Fuhlsbüttel, um ihre 10 Partnerschüler und -schülerinnen mit ihrer Lehrerin Olga Sewerina vom Hamburger Flughafen abzuholen. Die wirklich weite Reise – von Wolgograd bis Hamburg sind etwa 2780 Kilometer zurückzulegen – begann für die Wolgograder am Mittwoch, den 2. Juli um 15 Uhr. Man nahm Abschied von den Eltern, Geschwistern und Freunden am Bahnhof von Wolgograd. Einen kleinen Eindruck vom wirklich lässigen Zugfahren in Russland vermögen diese Bilder zu vermitteln. Für viele der Schüler aus Wolgograd war die Reise nach Hamburg die erste Auslandsreise. Auf ihrem Weg dorthin konnten manche der Hauptstadt ihres Heimatlandes ihren ersten Besuch abstatten; man posierte auf dem Roten Platz, wo nicht nur der tote, sondern auch der scheinbar ganz lebendige Lenin und seine politischen Gegner – hier der russische Imperator Nikolaj II. – anzutreffen sind. Leicht nervös versuchten die deutschen Schüler und Schülerinnen während des Landeanflugs der Maschine, sich noch schnell die Namen ihrer jeweiligen Partnerschüler und Partnerschülerinnnen einzuprägen. Beim ersten echten Kontakt miteinander wurden gleichwohl sämtliche Bemühungen zunichten gemacht: Es zeigte sich, dass Ekaterina gar nicht Ekaterina, sondern eigentlich Katja, Dmitrij viel einfacher Dima ist, Natalja in Wirklichkeit Natascha, Annastasija Nastja und Anna doch Anja genannt werden. Die erste kulturelle Verwirrung war komplett! Ein bisschen mulmig war uns allen vermutlich schon, als sich wenig später auf dem Weg in die Gastfamilien am Hamburger Hauptbahnhof unsere Wege bereits trennten: Würden Ole und Egor, Christian und Renat, Abdela und Dima ohne Dolmetscher miteinander klar kommen? Nastja und Naida hatten ein leichteres Los gezogen, ebenso Farida und Anja, die jeweils bei den russischen Muttersprachlern Alexander und Anton wohnen sollten. Den schier unvermeidlichen Kulturschock konnte bei den drei übrigen Russinnen Irina, Katja und Natascha der Umstand abfedern, dass sie beim Herr Lehrer Berens wohnen sollten. Wie sich alsbald zeigen sollten, waren unsere Befürchtungen – die schwierig zu überwindende Sprachbarriere, Heimweh und Fremdeln – unbegründet. Vielleicht waren es die Nudeln von Christoph Berens abends bei ihm zu Hause gekocht, die auch jene deutschen Schüler und Schülerinnen schnell in die Gruppe integrierten, bei denen kein russischer Gastschüler wohnte. Oder war es die russische Popmusik, die Christoph, wie er meinte bestens auf den russischen Besuch vorbereitet, nichts Böses ahnend auflegte? Der deutsche Lehrer wurde schnell von den russischen Schülerinnen aufgeklärt, dass die Texte voll von groben Schimpfworten, dem unverwechselbaren, groben russischen Mat waren. So kann’s gehen zwischen den Kulturen. In den folgenden neun Tagen wuchsen die deutschen und russischen Schüler/innen auf jeden Fall sehr eng zusammen. Das lag sicher am vollen Programm und einfach an den Leuten selbst. In den ersten Tagen lernten die Gäste die St. Pauli Ganztagsschule ein wenig kennen, man hing gemeinsam in den Seilen, das deutsch-russische Team verständigte sich über die Aufgaben, die im Laufe der Projektzeit zu bewerkstelligen sind, konzipierten den freien und unbeschadeten Flug roher Eiern vom Schulbalkon; während einer Fotoralley, die der Herstellung eines Bilder-Buchs von Lebensgeschichten im Rahmen des Projekts dient, zeigten die deutschen Schüler/innen den russischen Gästen ihr St. Pauli. Dank der Übersetzungshilfen von „Bruder“ Tatjana und „Prinzessin“ Alissa, die ihrerseits vor einigen Jahren aus Kasachstan und Usbekistan nach Deutschland eingewandert sind, war die Sprachbarriere bald gar nicht mehr zu spüren. Am Tag 4 fuhren alle zusammen ins schöne und beschauliche Pisselberg im Wendland. Während Christoph und Druschba für das leibliche Wohl der Gruppe sorgten, führte Uli Nehls aus Hamburg ein Spieleseminar über Konflikte durch und wie man sie aushalten und überwinden kann. So ging es beispielsweise um die Erfahrung, Gewalt zu erkennen und sich ihr gegenüber zu positionieren, und um das Gefühl zu einer Minder- oder Mehrheiten zu gehören, und wieviel Gefühl und Mut es braucht, um eigene Grenzen zu spüren und deutlich zu machen. Das Thema, um das es im Projekt geht, hat mit der Herkunft der Schüler und Schülerinnen zu tun und mit der Frage, was es mit Menschen macht, wenn sie ihre Heimat verlassen und woanders anfangen zu leben. Wir fragen uns und wollen erfahren, was fremd ist und wie aus Fremdsein Vertrautheit wird. Außerdem interessiert uns die Frage, warum viele Eltern der Schüler und Schülerinnen ihre Heimat verlassen haben und was sie von dort in ihre neue Heimat mitgebracht haben. Die Schüler/innen tauschen sich darüber aus, wie es sich in der sogenannten multikulturellen Gesellschaft lebt. Was die Herkunft der Teilnehmenden betrifft, so sind in der deutschen Gruppe lediglich Ole, Lynn und Milena in Deutschland geboren, haben also keinen Migrationshintergrund. Abdela kommt aus Togo, Anton aus Kasachstan, Alexander aus Kamlykien/Russland, Alexandra aus Polen, Joannis aus Griechenland, Denis aus Serbien und Christian aus Equador. So repräsentiert die deutsche Gruppe ziemlich genau die Schülerschaft an der St. Pauli Ganztagsschule – für etwa 80 Prozent der Schüler/innen ist Deutsch nicht die Muttersprache. In der russischen Schule in Wolgograd ist das Verhältnis umgedreht: Nur etwa 20 Prozent der Schüler/innen ist nicht in Russland geboren. Renat ist Lesginer; die Lesginer sind eine ethnische Minderheit im Kaukasus. Dima ist Tatare, Naida ist Aserbajdschanerin, Farida kommt aus Usbekistan, Irina’s Vorfahren stammen aus Armenien, Katja, Egor, Nastja, Anja und Natascha sind Russinnen mit ethnisch gesehen Russen als Vorfahren.
Und zum Schluss einstweilen O-Töne von zwei Schülerinnen …
Alex am 23. August 2008 Ich bin gerade im Trainingslager mit der 1. Frauen - Bundesliga und muss hart arbeiten. Aber das witzige ist: Wir sind in hitzacker und das ist 9km von Dannenberg entfernt, also im Wendland, wohin wir neulich mit Katja, Ira, Ole, Natascha, Panzer und den anderen … gefahren sind. Das erste was ich gemacht habe war, ich habe mich auf´s Fahrrad gesetzt und musste wieder die kleine tolle Stadt besuchen :) Weil es mir einfach soooo unglaublich viel spaß gemacht hat. Ich fand es sehr nett mit den Russen, obwohl ich am anfang echt sorgen hatte, das es mir kein spaß machen wird aber wer nicht versucht der kann es nicht wissen ... So hat mich Christoph, unser bester Lehrer dazu überredet und ich kann jetzt mit vollem Stolz über den Austausch erzählen ... Es ist was ganz witzig weil, ich verstehe bisschen russisch und habe es meistens verstanden was die wollten aber für mich was es schwierig auf deren Fragen zu antworten, weil ich nicht russisch sprechen kann, hehe. Im groß und ganzen sag ich, das es sehr viel spaß gemacht hat und ich mich drauf aufjedenfall freue, wenn wir in Russland sind ... So ich muss jetzt schlafen gehen, morgen wird wieder gearbeitet :) Profileben halt :) hmm bin soooo müde :(
Ira am 26. September 2008 Klar erinnern wir uns an unsere traumhafte Reise nach Hamburg und an alle, die wir kennengelernt haben. Es sind irre viele Eindrücke zurückgeblieben. Sehr interessant fand ich, in einer fremden Familie zu leben, besonders in einer, in der niemand Russisch spricht. Komischerweise konnten wir uns trotzdem ziemlich gut unterhalten. Wir sprachen mit Händen, malten Bilder, um auszudrücken, was wir meinten. Das Spieleseminar mit Uli, denke ich, half uns, auf angemessene Weise eine Sprache mit Leuten zu finden und zu mit sich selbst zu erfahren, wie nah man jemanden an sich heranlassen will. Ich habe in Hamburg keinen Ort gesehen, der mir nicht gefallen hat. Und ich habe die Schule gesehen, die unsere Freunde besuchen. Es gibt da mehrere Gebäude, in denen sich die Klassen befinden. So was, wenn ich mich nich irre, gibt es bei uns zum Beispiel nicht. Wir haben Sehnsucht nach euch, warten auf euren Besuch bei uns mit Ungeduld, wir denken darüber nach, wie wir unser Treffen organsieren, was wir euch anbieten. Ich grüße alle. Wir warten auf eure Briefe! Bis bald – eure Ira! |