Deutsch-russische Geschichtswerkstatt

Ein Interviewbeispiel aus der Konzeption verdeutlicht an dieser Stelle den Zugang zum Material. Ergänzend zu dem Interviewausschnitt werden in der geplanten Ausstellung die Hintergründe und Zusammenhänge dargestellt, die die Beschäftigung der Befragten mit der Vergangenheit des Zweiten Weltkriegs beschreiben. Die Informationen sollen den Besucher/innen die Einordnung des Materials ermöglichen und sie zur eigenen Auseinandersetzung mit dem Thema anregen.


Kontext

Plakataushang zur Aktion die Himmlischen VierDie beiden jungen Erwachsenen Kattrin und Marlene sind Teilnehmer des Theaterprojekts „Brecht-Jugendprojekt ‚Die Tage der Commune‘ / Roter Pfeffer“. Anlässlich des Jahrestages zum Kriegsende am 8./9. Mai nahmen sie an einer Veranstaltung der Antikriegsaktion „Das Begräbnis oder DIE HIMMLISCHEN VIER“ am 10. Mai 2008 in Bremen teil und gestalteten sie durch Inszenierungen mit. Über die Veranstaltung wurde einerseits mit einem Plakataushang informiert. Zudem haben Mitglieder des Theaterprojekts an verschiedenen Stellen in der Stadt öffentlich mit Kundgebungen auf den Termin aufmerksam gemacht. Neben Vertretern der IG-Metall, Beschäftigten des Bremer Daimler Werks u.a. hielt auf der Veranstaltung auch ein Veteran der Roten Armee eine Ansprache.

Die Aktion findet seit 2005 jährlich in verschiedenen deutschen Städten statt. Sie steht unter dem Motto „Jedes Jahr sei erinnert an die Befreiung vom Hitlerfaschismus“. Seit 2010 wird die Aktion unter dem Titel „Klassenkampf statt Weltkrieg!“ fortgeführt, die im Mai 2011 dann international (in Deutschland, Tschechien und Polen) ausgerichtet ist (s. Link).

Interviewausschnitt


Was habt ihr bei euren Aktionen gemacht?
M.: Wir haben auf Stahlfässern und Plastikfässern getrommelt und wir haben Kurzreden gehalten. Es wurden Flugblätter verteilt, Spenden gesammelt usw.
K.: Es ging uns zum einen darum, Krach zu machen, um die Leute in ihrem Alltag zu stören. Zum anderen wollten wir die Verbindung vom Heute zum „Jahrestag der Befreiung vom Hitlerfaschismus“ herstellen. Das Thema „Weltkrieg“ und gerade die Frage „Krieg vom deutschen Boden aus“ ist für uns nichts Vergangenes. Durch den Einsatz der Deutschen Bundeswehr im Ausland ist diese Frage eine ganz aktuelle. Unserer Meinung nach fangen ganz viele Traditionen aus dem Faschismus wieder an, eine Rolle zu spielen. Wir haben den Zuschauern das in den Kurzreden geschildert und sie aufgerufen, zur Veranstaltung zu kommen.

Wie hilft euch das Theaterspiel bei eurer Projektarbeit? Warum Theaterspiel?
K.: Für uns ist Kultur eine Waffe, eine politische. Das ist nur einfach untypisch. Und für uns ist das einfach eine andere Art der Agitation. Für mich ist es die viel spannendere Art Politik zu machen. Ein Theaterstück ist natürlich etwas, bei dem man es schafft, einen Menschen nicht nur mit Informationen, sondern auch mit normalen menschlichen Gefühlen wie Trauer, Wut, Freude in Kontakt zu bringen – dadurch das er Musik hört, dadurch das er ein Bild kriegt und nicht nur ein gesprochenes Wort.

Auf eurer Veranstaltung war auch ein russischer Veteran anwesend und hat eine Rede gehalten. Wie hat seine Anwesenheit auf euch gewirkt?
K.: Das ist natürlich eindrucksvoll, wenn jemand da von Angesicht zu Angesicht erzählt. Das sind Dinge, die erfährt man nur von solchen Leuten. Das würde einem keiner in der Zeitung oder im Fernsehen erzählen. Ein Geschichtslehrer nur, wenn er wirklich viel Ahnung hat und aus Überzeugung Antifaschist ist, was glaube ich nicht oft vorkommt.
M.: Ich glaube, das sind Erlebnisse, die nicht vergessen werden dürfen, die unglaublich wichtig sind. Erfahrungen, die wir sicherlich gut brauchen können. Und die uns kein anderer erzählen wird, als die Menschen, die es selber erlebt haben. Es ist nicht ausschließlich die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, um die es uns geht, sondern auch der Kampf um heute. Und da ist es sehr hilfreich, mit Veteranen gesprochen zu haben und ihre Aussagen zu haben. Um damit weiter auf die Straße gehen zu können. Es ist aber nicht lebensnotwendig, sondern der Kampf geht auch ohne sie weiter.

Welches Ziel verfolgt ihr mit euren Aktionen?
M.: Das ist einmal der Punkt, wo wir sagen: Wir wollen die Erinnerung wach halten und so. Wir wollen aber auch auf Umstände hinweisen, die einfach wieder da sind, obwohl sie in diesem Land verboten wurden, weil Deutschland den Zweiten Weltkrieg und auch schon den ersten Weltkrieg angefangen hat. Dinge, die sich jetzt wiederholen. Vor allem darauf wollen wir aufmerksam machen. Denn es kann nicht sein, dass wir eine Generation sind, die den Dritten Weltkrieg erlebt. Ich möchte das eigentlich nicht.